Die Schule in Sonthofen
Im Spätherbst stellte sich für meine Eltern die Frage meiner weiteren Schulbildung. Sowohl in Schramberg als auch in Oberndorf bestand nicht die Möglichkeit, das Abitur zu machen und unsere Mutter war ohnehin der Ansicht, daß die beste Schule für ihre Kinder gerade gut genug war. So bewarb ich mich - oder meine Eltern für mich - einerseits für die NPEA (Nationalpolitische Erziehungsanstalt = Napola) in der auch Kurt schon vier Jahre als Schüler war und bei der AHS (Adolf Hitler Schule), die ein Jahr davor (1937) gegründet wurde.
Beides waren Internatsschulen, die von rivalisierenden Parteiorganisationen gegründet waren. Die Napola war im wesentlichen unter der Protektion der SS, die AHS hatte die Hitlerjugend und die Deutsche Arbeitsfront (eine gleichgeschaltete Gewerkschaft) als Schutzherren. Die Napola war mit Schulgeld verbunden, die AHS absolut kostenfrei. Dies ging so weit, daß die gesamte Kleidung - Schuluniform, aber auch Zivil und das Taschengeld von der Schule gezahlt wurde. Auf Grund meiner Zeugnisse wurde ich bei der Napola ohne weitere Prüfung aufgenommen. Auf Grund der Kostenfreiheit hatte die AHS einen wesentlich größeren Andrang - entsprechend war das Ausleseverfahren. Auf Ortsebene war dies problemlos für mich, auf Kreisebene etwas schwieriger und schliesslich landeten ca 60 - 70 Jungs in einem Ausleselager in Lahr, in dem in 10 Tagen zehn Schüler aus dem Land Baden ausgewählt werden sollten. Angeblich war das eine Auslese aus 7000 Bewerbern. Ich war damals natürlich sehr stolz unter den 10 Auserwählten zu sein, doch war die Statistik natürlich etwas einseitig - wie ja die meisten Statistiken. Bei der Vorauslese hatte ich natürlich in unserem "Bauernkreis" viel bessere Chancen in die Endauswahl zu kommen als wenn ich beispielsweise in Heidelberg oder Karlsruhe gewohnt hätte.
Die Entscheidung wer angenommen werden sollte, wurde nach den 10 Tagen von ein paar Parteioberen durchgeführt, deren Leiter der Widersacher meines Vaters 1934 im Zusammenhang mit einer Kontroverse bei der Röhm - Affäre war. So gesehen war das sicherlich eine recht ungünstige Ausgangsposition für mich. Warum ich schliesslich angenommen wurde, weiß ich natürlich nicht. Entweder war es wirklich mein Verdienst, oder aber der betreffende Herr hatte das Gefühl, daß er bei meinem Vater etwas gut zu machen hatte. Er war ein persönlicher Freund des Gauleiters - was ihm schliesslich 1945 zum Verhängnis wurde. Er wurde erschossen - übrigens ohne Gerichtsverfahren, wie das bei Kriegsende auch in Schiltach nach dem Einmarsch der Franzosen üblich war. Die Parteigrössen (was ist eine Parteigrösse in einem Ort von 2000 Einwohnern) wurden ohne weiteres Verfahren am Hohen Stein erschossen.
Immerhin wurde ich angenommen - was auch der Grund gewesen sein mag - und daß ich die ganze Zeit in der Schule immer unter den drei Besten gewesen bin, mag die Auslese gerechtfertigt haben. Im Übrigen sind solche Auslesen immer eine Glückssache.
So gesehen war die kostenlose Erziehung von mir in einer der besten und modernsten Schulen Deutschlands vielleicht ein Nutzen, den die Familie aus Vaters und Mutters Tätigkeit in der NSDAP gezogen hat. Wenn je so sicherlich der einzige, denn Vater hatte viel mehr Nachteile durch seine kritische Stellungnahme zu den lokalen Parteigrössen.
Nachdem ich nun angenommen war, ging es im April 1938 zunächst nach Karlsruhe wo wir uns alle sammelten und von dort aus nach Sonthofen auf die Ordensburg, die heutige Generaloberst Beck-Kaserne.
Wir reisten buchstäblich mit dem Persilkarton an, denn die Weisung war, daß wir restlos eingekleidet wurden und alle persönliche Habe nach der Einkleidung nach Hause geschickt werden sollte. Sicherlich war das für meine Eltern eine erfreuliche Erleichterung - nach der langen Arbeitslosigkeit von Vater - einen Esser weniger am Tisch zu haben.
Von diesem Zeitpunkt an bis 1945 sorgte der Staat für mein Wohl, wenn auch in den letzten zwei Jahren unter etwas "eisenhaltiger" Luft. Die Einkleidung und auch andere Regeln, wie zum Beispiel gleiches Taschengeld für alle und das Verbot Essenspakete von zu Hause zu empfangen, sollte verhindern, daß sich soziale Unterschiede bemerkbar machten. Im wesentlichen waren wir jedoch Kinder, die aus der Mittelklasse kamen und wir hatten auch gar nicht das Gefühl, daß der eine oder andere privilegierter sein könnte. Was zählte, war das persönliche Auftreten, der Charakter und nach oben hin natürlich auch die Leistungen im Sport, im Unterricht und die Fähigkeit sich in die Gemeinschaft einzufügen.
Wir wurden in Stuben von 6 - 8 Jungs untergebracht; mit zweistöckigen Betten und getrennten Waschräumen für jede Stube, wobei sich 2 Jungs ein Waschbecken zu teilen hatten. Im Tagesablauf hatten wir weitgehend eine Selbstverwaltung unter der Mit unseren Erziehern duzten wir uns, ohne daß der nötige Respekt fehlte. Alles - Verpflegung, Unterkunft, Kleidung, tagsüber Zivil und zum HJ-Dienst Uniform,
waren ausgesprochen gut, der Schulunterricht in Anlehnung an die Hahn'schen Vorstellungen von Salem ausgesprochen liberal und demokratisch.
Wenn man heute von der Hitler-Diktatur als einer Zeit unerträglicher Unterdrückung anderer Meinungen etc. spricht, so war diese Schule, die ja die Elite der neuen Führung erziehen sollte, das genaue Gegenteil. Das Prinzip war absolute Ehrlichkeit, Fairneß, Toleranz, Freiheit der Meinung, Selbsterziehung, Selbstverwaltung. Andererseits herrschte jedoch strenge Disziplin. Morgenappell, Marschieren zum Essen, Pünktlichkeit beim Aufstehen, Schlafengehen, Ordnung in den Stuben, im Waschraum, Sauberkeit der Kleidung, Betten machen, Schuhe putzen, körperliche Hygiene. Das alles wurde von den Erziehern als Oberaufsicht, aber auch von der Selbstverwaltung genau kontrolliert.
Unsere körperliche Ertüchtigung wurde groß geschrieben - jeder hatte sein Fahrrad, seine Skier und jeden Tag wurde eine Stunde Sport getrieben nach dem Motto "Mens sana in corpore sano". Auch gab es eine Geländeausbildung - ähnlich den Pfadfindern - oder negativ ausgedrückt eine vormilitärische Ausbildung. Im Verlauf des Krieges bewegte sich der Schwerpunkt dieser Ausbildung von der einen in die andere Richtung. Wir nannten es jedoch Geländespiele.
Der Tagesablauf war streng geregelt - von Montag Morgen bis Samstag Nachmittag; vom Wecken bis zum Zapfenstreich. Dies entsprach dem damaligen Stil der Zeit; es war aber auch gar nicht anders zu machen. Wir waren 1938 600, 1942 1500 Schüler. Schon die Zahl ergab die Notwendigkeit, daß das Essen gemeinsam angefangen und beendet werden mußte und daß es eine Tischordnung gab. Ob dabei marschiert werden mußte, ist zu diskutieren. Wie gesagt, das war damals der Stil der Zeit. Auch heute noch bin ich der Ansicht, daß es die modernste Schule war, die es damals gab und keine Penne konnte sowohl im Stil als auch im Geist mit uns mithalten.
Doch gab es natürlich auch Dinge, die kritisiert werden mußten und auch wurden. Dies war vor allem das wissenschaftliche Niveau. Eine Vielzahl unserer Erzieher waren Hitlerjugend-Führer, die auch Lehrer waren und zwar oft nur Volksschullehrer. Fachlehrer, meist unsportliche Figuren, waren weder populär, noch waren sie sehr häufig. Die Schule war eine Neugründung mit vielen Kinderkrankheiten, die jedoch erkannt wurden und es wurde auch versucht, sie abzuändern. Ein weiterer Nachteil war das niedrige Durchschnittsalter der Lehrer. Dies wirkte sich besonders nachteilig bei Ausbruch des Krieges aus, als wir plötzlich keine Lehrer mehr hatten. Da sie durchweg - oder zumindest meistens - begeisterte Nationalsozialisten waren, meldeten sich viele freiwillig zur Wehrmacht und wir saßen 1940 fast ohne Lehrer da. Überhaupt litt die notwendige und auch als notwendig erkannte Verbesserung der Schulausbildung sehr unter den Kriegsverhältnissen. Im Gesamten war jedoch die wissenschaftliche Ausbildung, verglichen mit einem Gymnasium nicht sehr intensiv.
Dies schaffte mir zum Beispiel 1945, als ich das Abitur nachmachen mußte, einige Probleme - vor allem in Englisch - dennoch war ich in den anderen beiden Fächern - Deutsch und Mathematik - Klassenbester. Wahrscheinlich hätte ich auch in Englisch besser abgeschnitten, wenn ich mehr Interesse gezeigt hätte - d.h., ich war zu faul.
Im Studium fand ich ohne Mühe Anschluß und meine, daß ich in Allgemeinbildung meinen Studienkollegen überlegen war. Die Allgemeinbildung war in der AHS groß geschrieben. Man war der Ansicht, daß man sich Spezialwissen im Universitäts-Studium aneignen sollte. Wegen des Ideologischen waren einige Erzieher erheblich zu kritisieren. In der Schule wurde seitens der verantwortlichen Führung die Ansicht vertreten, daß uns die Partei zwar kostenlos erzieht, daß aber unsere einzige Verpflichtung als Gegenleistung sein sollte, daß wir gute und fleißige und vor allem ehrliche und anständige Schüler sein sollten.
Unsere Berufswahl für die Zukunft sollte ausschließlich von uns nach unseren Neigungen und Interessen bestimmt werden. Einige Erzieher waren nun so NS - orientiert, daß sie glaubten uns zu Parteiführern machen zu müssen. Dies war zwar gegen die allgemeinen Richtlinien der Schule, aber oftmals war "Väterchen Zar" weit, d.h. diejenigen die diese Richtlinien verfaßten, konnten sich nicht um den Alltagskram der strikten Befolgung derselben kümmern und was sie nicht erfuhren, konnten sie nicht ändern. So wurde gegen Ende der Schulzeit 1942/43 in unserem Jahrgang ein Druck ausgeübt, aus der Kirche auszutreten und auch in der Berufswahl einen "Politischen Beruf" zu ergreifen. Dies war alles gegen die allgemeinen Richtlinien, doch wer hat schon den Mut seine Ansicht gegen einen Jahrgangserzieher (Klassenlehrer) durchzusetzen.
Der Alltag war ein normaler Internatsalltag, nur eben ein wenig militärischer. Ferien gab es - aus meiner Erinnerung - dreimal mit dem Recht nach Hause zu fahren. Ostern, Sommerferien und Weihnachten. Die Pfingstferien und die Kartoffelferien wurden zu Fahrten in der Gemeinschaft mit dem Fahrrad ausgefüllt.
Über den schulischen Alltag ist nicht so sehr viel zu sagen. Wie üblich hatten wir Lehrer, die wir liebten und solche, die unbeliebt waren, das galt sowohl für die ganze Klasse, wie auch für einzelne Schüler. Sicherlich galt auch da, daß die Liebe zu einem bestimmten Fach auch an die Sympathie zu dem Lehrer geknüpft ist. Allerdings kann ich mich nicht erinnern, je einen Chemielehrer gehabt zu haben, für den ich eine besondere Sympathie hatte.
Erwähnenswert waren unsere Fahrten zu Pfingsten und in den Kartoffelferien. Nachdem im April 1938 Österreich an das Reich angegliedert war, fuhren wir zu Pfingsten 1938 mit den Fahrrädern von Bregenz aus nach Innsbruck. Alles war sorgfältig vorbereitet - die Bahnfahrt nach Bregenz mit dem Verladen der Räder. Von dort aus ging es dann in Gruppen von 8 - 10 unter der Leitung eines Erziehers auf die Strecke. Wir übernachteten bei Bauern oder Privatleuten, die wohl freiwillig oder gegen geringes Entgelt einen Schüler für eine Nacht aufnahmen. Unsere Gruppe machte von der eigentlichen Route aus Abstecher. So fuhren wir nach Parthenen ins Montafoner Tal und als die Räder in Dalaas nach St.Anton verladen wurden, wanderten wir nicht nur über den Arlberg, sondern machten auch einen Abstecher über den Flexen-Pass nach Zürs, das 1938 noch ein verschlafenes Bauerndorf war. Die Flexenstrasse war damals noch Naturstrasse.
In Imst besuchten wir das riesige Kloster und waren herzlich willkommen. So sehr konnte also der Gegensatz zwischen Hitler-Jugend und Kirche nicht gewesen sein. In Innsbruck besuchten wir den Berg Isel, das Salzbergwerk in Hall und stiegen auf den Patscherkofel. Übernachtet haben wir in einer Schule. Auch fuhren wir - mit dem Zug - an den Brenner. Das Wetter war uns bis Innsbruck günstig, doch dann wurde es regnerisch.
In den Sommerferien fuhr ich das erste Mal in meine neue Heimat - Oberndorf, wohin meine Eltern, nachdem ich in die Schule gefahren war, nach Ostern verzogen waren. Wir hatten dort eine schöne Wohnung in einem Zweifamilienhaus direkt am Neckar. So recht heimisch bin ich jedoch in Oberndorf nie geworden. Ich war dort ja nur in den Ferien. )
In den ersten Ferien habe ich mich auf mein Fahrrad gesetzt und bin nach Heilbronn gefahren. An sich hatte ich vorgesehen, unterwegs in einer Jugendherberge zu übernachten, doch als ich einmal im Schwung war, bin ich einfach durchgefahren - und bin am späten Nachmittag - wohl ziemlich erschöpft - nach 160 km Fahrt bei Tante Erne angekommen. Ich verbrachte dort ein paar schöne Tage, nicht wissend, dass das Grundstück, das mir Onkel Karl als ihren vorgesehenen Bauplatz zeigte, einmal mein Altersruhesitz werden sollte.
Im Herbst 1938 machten wir eine Fahrt in den Schwarzwald. Das Budget für die Herbst-Fahrt war an sich sehr gering und unser Schulleiter beschloß deshalb eine größere aber sehr spartanische Fahrt d.h., wir mußten mit einem Minimum an Komfort übernachten und das Essen war extrem spartanisch. Wir kochten selber und schliefen in Scheunen und was wir an Fallobst fanden, landete in unseren Bäuchen. Erinnerlich ist mir von dieser Fahrt Blumenfeld, Lenzkirch, die Wutach-Schlucht, der Blautopf und der Bodensee allgemein. Eine Übernachtung ist mir auf dem Gut des früheren Reichsministers Curtius in Erinnerung.
In schlechter Erinnerung ist mir von jedem Jahr die Zeit zwischen Herbstferien und Weihnachten. Das Allgäu ist ein ziemliches Regenloch und so im September fing es an zu regnen bis es schliesslich im November - Dezember in Schnee überging - sehr zu unserer Erleichterung, denn nun konnten wir Skifahren. Regelmäßig fingen auch im November die Grippeepidemien an, die normalerweise zu irgendeiner Kinderkrankheit ausarteten. Ich erinnere mich an eine Scharlachepidemie, die auch mich zwang, Weihnachten in Quarantäne zu verbringen. Aus seuchenpolizeilichen Gründen durften wir dann erst nach Weihnachten, nach exakt 4 Wochen Quarantäne, nach Hause fahren. Das war so viel ich weiß 1940.
Im Winter hatte die Schule jeweils ein 14 tägiges Skilager vorgesehen und wir zogen im Februar 1939 auf die Skihütte Grasgehren unter dem Riedberger Horn, einem sehr schönen Skiberg. Ich war wenigsten zweimal in Grasgehren und wenn ich auch kein erstklassiger Skiläufer war, so hat es mir doch sehr viel Spass gemacht.
Noch im Frühjahr 1939 sollte auf der Ordensburg eine große Parteiführer-Tagung stattfinden und wir wurden kurzerhand ausquartiert. Wir kamen auf die Skihütten (Jugendherbergen) Kornau oberhalb von Oberstdorf und hatten ein zweites Mal Skiferien, was wir natürlich sehr genossen. Der Himmel meinte es sehr gut mit uns, denn wir hatten ca 3 m Schnee. Zu dieser Zeit gab es noch keine Skilifts, man konnte nur das abfahren, was man erstiegen hatte. Der sportlichen Kondition tat das gut. Auch kannten wir keine Aufstiegsfelle. Man hatte eine entsprechende Wachstechnik. Entweder klappte es und man stieg auf Schneestollen glatt auf oder man mußte sich schinden. Jupp Madert, der unser Schulführer war, stieg vorab und wir fluchten über den "Stier". Trotzdem: die Abfahrten von Schönblick sind mir in herrlicher Erinnerung, obwohl es eine üble Buckelpiste war. Einmal versuchten wir die Internationale Abfahrt. Danach war es mir schleierhaft, wie man so etwas mit Skiern bewältigen kann.
Im Herbst kam es auch zu der Sudetenkrise, bei der ein Teil unserer Erzieher-Anwärter (eine Art Lehrerseminar) an der Sudetendeutschen Legion teilnahmen. Aus dieser Zeit ist mir in Erinnerung, daß wir anfingen, heimlich zu rauchen. Alle Heimlichkeiten waren natürlich streng verpönt und als die Erzieher-Anwärter zurückkamen - sie waren unsere Klassenführer - haben wir es ihnen natürlich erzählt. Als Konsequenz wurde es natürlich verboten und unser nächst höherer Jahrgang verprügelte uns auf das Übelste, weil wir ehrlich waren.
Solche Prügelexzesse (Heiliger Geist), die in anderen Schulen üblich waren um Außenseiter zu bestrafen, aber auch manchmal nur um Hackordnungen zu klären, kamen sonst - Gott sei Dank - bei uns nicht vor.
Zu Pfingsten 1939 machten wir mit unserem Jahrgangserzieher Bopp eine Fußwanderung über die schwäbische Alb. Von Geisslingen aus ging es bis nach Lichtenstein und anschließend besuchten wir die Reichsgartenschau in Stuttgart. Auch bei dieser Fahrt oblag uns das Kochen und geschlafen haben wir in Scheunen, die wir uns jeweils von den betreffenden Gemeinden anweisen ließen. Für die Kocherei hatten wir natürlich das ganze Geschirr mitgenommen. Das ganze Fahrten-Know-How war im wesentlichen das unseres Lehrer Bopp, der früher Pfadfinder-Führer war. Er war sicherlich in der ganzen Schulzeit unser beliebtester Erzieher.
Besonders haben uns zwei Rezepte imponiert - der Zambi, ein Kartoffelbrei mit geschmälzten Zwiebeln und der Zement - das gleiche, jedoch durch Zugabe von viel Leberwurst leicht grau gefärbt. Dieser Farbe verdankte er auch seinen Namen. Man war natürlich immer hungrig, doch in seinen Ansprüchen recht bescheiden. Hauptsache, der Magen war voll. Unsere Sommerfahrt 1939 führte uns ins Sudetenland. Erst wanderten wir von Eger aus durch das Egerland, nachdem wir vorher in Eger uns den "Wilhelm Tell" als Freilichtaufführung ansehen konnten. Bei dieser Wanderung waren wir wieder in Privatquartieren untergebracht. Anschließend machten wir 14 Tage Ernteeinsatz beim Bauern. Letzterer ist mir gut in Erinnerung. Es war ein sehr einfacher Bauer in Ammonsgrün (heute tschechisch Ubotschi) in der Nähe von Marienbad. Das Essen war sehr einfach. Zum Frühstück gab es Milchkaffee - Malzkaffee - mit eingebrocktem Schwarzbrot. Auf den Feldern hatte der Bauer sogenannte Sauerbrunnen, ein sehr schmackhaftes Mineralwasser ohne Kohlensäure.
Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich zu meinem großen Erstaunen, daß es den Bauern zur tschechischen Zeit wirtschaftlich besser gegangen ist. Daß sie nun aber gerne Deutsche seien. Zum Abschluß dieses Ernteeinsatzes gab es noch eine große Abschlußkundgebung aller AHS-Schüler in Reichenberg. Anschließend an diesen Ernteeinsatz fuhren wir dann in die Schulferien - ich nach Oberndorf.
Inzwischen brach jedoch der Krieg aus und unsere Ferien wurden verlängert. Ich kann mich noch erinnern, daß wir viele Flak-Soldaten in Oberndorf hatten und ich mich im wesentlichen bei denen aufhielt.
Als wir schliesslich nach Sonthofen zurückkehrten waren bereits einige unserer Erzieher und vor allem die Erzieher-Anwärter eingezogen. Mit zunehmendem Kriegsverlauf wurde der Unterricht immer lückenhafter - die Lehrer verschwanden an die Front. Hier machte es sich nachteilhaft bemerkbar, daß wir kaum Lehrer über 40 Jahren hatten und daß die meisten als aktive Anhänger des Regimes sich auch um einen Einsatz bemühten. Der Tiefpunkt wurde zum Frankreichfeldzug erreicht. Danach sah man wohl ein, daß es so nicht mehr gehen konnte und die Erzieherschaft wurde verstärkt. Teilweise durch Facherzieher ohne HJ-Funktion, teilweise auch durch Ordensjunker. Es gab jedoch bis zum Notabitur, fraglos kriegsbedingt, erhebliche Lernlücken.
Über Ostern 1940 machten wir mit den Rädern einen Ausflug nach Füssen und besichtigten dort die Königsschlösser.
Über Pfingsten fuhren wir - wie schon vor zwei Jahren mit den Rädern durch Tirol-Vorarlberg, jedoch in umgekehrter Richtung - von Sonthofen aus über den Fernpass und dann weiter über den Arlbergpass nach Lindau. Über den Arlberg fuhren wir diesmal mit den Rädern - bezw. schoben sie hinauf und fuhren bei Nebel und Regen auf der anderen Seite ab. Auch von Lindau aus fuhren wir mit den Rädern durch das schwäbische Allgäu nach Sonthofen zurück. Verpflegt haben wir uns unterwegs selbst.
Das Jahr 1940 war auch das erste, in dem ich mir in den Ferien in den Mauser Werken Geld verdiente. Ich bekam eine Anstellung als Laufbursche im Baubüro und machte meine ersten Versuche am Zeichenbrett, ohne dabei besondere Fähigkeiten oder Interesse zu entwickeln. Im folgenden Jahr bekam ich dann in den Frühjahresferien eine Anstellung im chemischen Laboratorium der Materialprüfung und habe damit erstmals für meinen späteren Beruf mir praktische Erfahrungen erworben.
In den kommenden Jahre habe ich dann immer wieder versucht, in chemischen Labors zu arbeiten und war auch immer erfolgreich. Im wesentlichen handelte es sich bei Mauser um Metallanalysen (Kohlenstoff und Schwefel durch Verbrennung und Begleitmetalle in Stahllegierungen auf nassem Wege). Bei Mauser habe ich insgesamt fünf Mal gearbeitet, das letzte Mal vor meiner Einberufung 1943.
Im Jahr 1941 waren wir alle zum Arbeitseinsatz in den Arado-Werken in Rathenow. Arado war eine Flugzeugfabrik und der Arbeitseinsatz dort, wie überhaupt alle, war Teil unserer Erziehung. Wir sollten vor Ort mit Arbeitern Kontakt bekommen und ihre Welt verstehen lernen. In jüngeren Jahren war das Ernteeinsatz - im Allgäu, im Sudetenland.
Hierbei erinnere ich mich an einen Einsatz beim Bauern hinter Sonthofen. Ich habe dort bei strömendem Regen das frisch gemähte Gras auf Heinzen, 3-sprossige Gestelle aufgepackt, auf dem das Gras trocknen konnte. Bei diesem Bauern kam zum Frühstück eine Pfanne mit Bratkartoffeln - die übrigens herrlich schmeckten - auf den Tisch und jeder bekam einen Löffel und aß seinen Anteil aus der Pfanne. Wenn es Käse gab und das gab es oft, so hat man ihn mit Butter bestrichen und ohne Brot gegessen Eines Morgen fuhr der Bauer mit der Mähmaschine ein Reh tot. Er meinte - für ein Abendessen ist es zu wenig, aber für ein Mittagessen wird es schon reichen. Wir waren zu fünft.
Im Jahr 1940 sollte ich nochmals zum Bauern an den Bodensee , doch sagte dieser ab, weshalb ich dann bei Mauser arbeitete, was mir natürlich lieber war. 1941 stand dann der Einsatz in der Flugzeugfabrik auf dem Plan. Vor diesem Einsatz hatten wir eine schulische Abschlußprüfung, in der Form eines Wettkampfes zwischen den einzelnen Schulen. Ich vergaß zu sagen, daß in Sonthofen die AHS aus zehn selbständigen Schulen bestand, die später irgendwo in Deutschland stehen sollten. Mit dem Bau wurde zwar begonnen, doch wegen des Krieges dann für immer unterbrochen.
In den einzelnen Schulen wurden Landsmannschaften zusammengefaßt. So bestand unsere Schule aus Jungens der Länder (Gaue) Baden, Hessen-Nassau und Saarpfalz. Ich spielte in dieser Gruppe mit meinem schwäbischen Dialekt immer eine Außenseiterrolle.
Diese zehn Schulen traten nun in einen Wettkampf auf geistigem und körperlichem Gebiet um einen Wanderpreis - das Ordensschwert. Interessant war, daß dieser gesamte Wettkampf, der eine Woche dauerte, nach dem Prinzip absoluter Ehrlichkeit durchgeführt wurde, d.h. die Aufgaben wurden jeweils am Morgen des Wettkampftages abgeholt und ohne Aufsicht der Erzieher am Tag oder auch über mehrere Tage hinweg dann in Gemeinschaftsarbeit gelöst. Sie waren so gestellt, daß Arbeitsgruppen gebildet werden konnten, die sich an Teilaufgaben machten und zum Schluß wurde alles zusammengefaßt. Die erlaubten Quellen wurden genannt. Ich hatte während dieses Wettkampfes die Leitung unseres Jahrganges, und verteilte auch die einzelnen Aufgaben - selbstverständlich in gemeinsamer Absprache. Am Abend sammelte ich dann die Ergebnisse ein und lieferte sie dann an die Schulleitung ab. Zum Schluß des Wettbewerbes gab es dann eine Abschlußfeier mit Preisverteilung und dem Schuljahresende.
Anschließend fuhren wir dann über Berlin nach Rathenow, besichtigten jedoch vorher noch einige andere Werke von Arado. Auch während dieses Einsatzes behielt ich die Leitung des Jahrganges. In den Arado-Werken wohnten wir in einem Lehrlingsheim und ich hatte wieder das Glück, in der Materialprüfung beschäftigt zu sein, chemische Analysen, aber auch physikalische Werkstoffprüfung. Gegessen haben wir in der Kantine. Erinnerlich ist mir, daß das Werk viele Fremdarbeiter hatte und daß man die Toiletten schon mal unter Tränengas setzte um zu verhindern, daß sich zu viele zu lang dort aufhielten. Eine rauhe Methode. Während dieser Zeit bereitete sich Vater gerade auf seine neue Stelle in Ploczizno vor und wir trafen uns einmal in Berlin und an einem Wochenende besuchte er mich in Rathenow.
Den Winter davor waren wir übrigens wieder auf einer Skihütte und zwar den Zollhäusern zwischen Österreich und Deutschland hinter Oberjoch. In diesem Jahr wurden wir auch ermutigt, ein Musikinstrument zu lernen. Ich entschied mich damals für die Klarinette und spielte diese in unserer Kapelle bis zu meinen Einsatz in der Slowakei im Winter 1942.
Das Jahr 1941 war für mich in Sonthofen überhaupt ein sehr ereignisreiches Jahr. Offenbar kamen wir alle ein wenig in das Alter der Halbstarken und suchten ein Betätigungsfeld für unsere überschüssige Energie. Wir waren in den Bau R 32 umgezogen und dahinter war eine riesige Baustelle, die kriegsbedingt auf "kleiner Flamme" weitergeführt wurde.
An den Wochenenden waren wir in diesen Rohbauten und spielten Versteck, fuhren mit den Loren der Feldbahn, bis sie entgleisten, gingen an die Karbidfässer und holten uns riesige Mengen Karbid. Aller mögliche Unsinn wurde getrieben. Zielwerfen auf leere Bierflaschen, die von den Arbeitern in jeder Menge vorhanden waren, auf Isolatoren von Telefonleitungen, - auch auf Fensterscheiben. Auch veranstalteten wir sogenannten Steinschlachten. Zwei Parteien bewarfen sich mit teils faustgroßen Steinen und die Kunst war, nicht getroffen zu werden. Ich erinnere mich an einen Treffer, den ich an den Ringfinger erhielt und der mich mindestens ein halbes Jahr schmerzte. Vermutlich war der Finger gebrochen. Das gehörte jedoch zum Risiko. Es waren Steine darunter, die, wenn sie einen Kopf getroffen hätten, sicherlich zu einem Schädelbruch geführt hätten.
Ein anderes sehr beliebtes, harmloseres Betätigungsfeld waren die Heizungs und Belüftungsschächte in der Turnhalle, durch die wir Kreuz und Quer unter der Turnhalle durchkrochen. Schließlich verwendeten wir unsere ersten Chemiekenntnisse um Schwarzpulver zu machen. Durch einen Erzieher bekamen wir in einer Apotheke ein Kilo Salpeter und nun ging die Mischerei los - mit immer größeren Mengen. Es kam, wie es kommen mußte. Plötzlich ging das ganze Kilo hoch und unsere Bude war eine einzige Rauchwolke. Wir machten das Fenster auf und die Tür zu. Aus dem Schlüsselloch kam eine 20 cm lange Rauchfahne. Jupp Madert unser Schulführer kam, ging in unsere Stube, ließ die Tür auf um Durchzug zu machen. Plötzlich sprangen die Fensterscheiben, der Vorhang brannte, der Bettpfosten war angekohlt, die Katastrophe komplett. Doch das Feuer war schnell gelöscht und wir hatten - Gott sei Dank - einen vernünftigen Erzieher. Seine Weisung war, bringt das in einer Woche wieder in Ordnung - egal wie - und die Sache ist erledigt.
Wir hatten eine Beschließerin - Resi - die eine Art Mutterstelle einnahm. Sie gab uns neue Bettwäsche und Vorhänge. Das angekohlte Holz schmirgelten wir ab, die Fenstersimse aus Kalkstein behandelten wir mit Salzsäure und schliesslich organisierten wir aus den Neubauten passende Fenster. Alles lief bestens und wir bekamen lediglich Stubenarrest und eine Verwarnung.
Eine andere Aktion war, daß wir in einen Abwasserkanal Karbid füllten und das sich entwickelnde Gas anzündeten. Die Explosion hat dann 3 oder 4 stromabwärtsliegende Kanaldeckel meterhoch in die Luft geschleudert. Eigentlich wollte ich in den Kanal einsteigen um das Gas anzuzünden, doch der Gestank hat mich zum Glück daran gehindert.
Ein andermal sind wir auf das Dach des Rohbaues der Reithalle gestiegen. Das Dach war schindelgedeckt, es war regnerisch und das Dach rutschig mit dem Ergebnis, daß wir ausrutschten und das Dach heruntersegelten. Zum Glück war es an der Stelle an der ein Kamin war. Dieser hielt uns auf. Das Gebäude war etwa 3 Geschosse hoch und die Fläche davor betoniert. Überlebt hätten wir den Sturz nicht.
An einem Sonntag stiegen wir in einen nicht richtig verschlossenen Aufzug und fuhren so zu unserem Spass durch die Stockwerke. Plötzlich machte einer von uns einen Kurzschluß und wir saßen fest. Nun war es für uns kein großes Problem, den Mechanismus zu finden um herauszukommen, aber den Aufzug wieder zum Laufen zu bringen war uns nicht möglich.
Am nächsten Tag gab es natürlich eine entsprechende Untersuchung. Ich meldete mich als Schuldiger und wurde entsprechend bestraft. Die Strafe bestand in der Nicht - Teilnahme an einer Pfingstfahrt, Arbeit auf der geschädigten Kleiderkammer in der Freizeit, teilweise (mehr symbolische) Bezahlung eines Teils des Schadens und schliesslich Beförderungssperre. Na ja. Unsere musische Erziehung legte mit dem Eintreten des Stimmbruchs den Schwerpunkt auf das Verständnis der klassischen Musik. und es wurde angeregt, daß man ein Musikinstrument erlernt. An Hand von ausgesuchten Schallplatten versuchte man uns den Aufbau klassische Musikstücke nahezubringen. Darüber hinaus wurden in regelmäßigen Abständen namhafte Künstler eingeladen, die bei uns Konzerte gaben. Erinnerlich sind mir Elly Ney und Thilo Hölscher. Anfangs waren uns die Solistenkonzerte und auch die Kammermusikabende langweilig, doch haben sie in mir das Verständnis und die Freude an klassischer Musik geweckt. Auch wurde ein klassisches Schulorchester aufgebaut, desgleichen eine Kapelle, in der ich die Klarinette spielte. Am Anfang hatte ich damit Mühe, aber später machte es dann Spass und ich spielte sie bis zu meinem Einsatz in der Slowakei 1942. Als Lehrer hatten wir Musiker der Gebirgsjäger aus Sonthofen.
Wie ich anfangs erwähnte, war irgendwelche Unterstützung aus dem Elternhaus verpönt. Jeder sollte das gleiche haben. Dennoch brachten viele aus den Ferien zusätzlich Taschengeld mit in die Schule. Meine Mutter war da ziemlich streng. Schulordnung ist Schulordnung. Mit dem Fortschritt des Krieges wurde die Verpflegung spartanischer und auch mehr rationiert - zugleich kamen wir in die Jahre des Wachstums und wir konnten eigentlich ununterbrochen essen. Es ist mir erinnerlich, daß wir einmal - nach dem Abendessen, bei dem man normalerweise so viel essen konnte wie man wollte,- im Speisesaal die übriggebliebenen Brotkörbe leerten und daß ich mühelos nach dem Abendessen noch ein Kilo trockenes Brot verzehren konnte.
Die Umgebung von Sonthofen bot leider keine Möglichkeit, sich in Feld und Flur zusätzlich etwas zu beschaffen. Wir konnten uns jedoch im Ort - teilweise mit Brotmarken, aber bei den freundlichen Geschäftsleuten auch ohne, uns zusätzlich etwas beschaffen.
Zu der Zeit setzte sich auch durch, daß man sich zum Geburtstag von Verwandten Freßpakete schicken lassen konnte. Das wurde dann in der Weise ausgenutzt, daß wenn in der Stube einer Geburtstag hatte, alle Eltern gebeten wurden, an seine Adresse ein "Geburtstagspaket" zu schicken. Das wurde dann natürlich dem wahren Empfänger ausgehändigt, bezw. alle Pakete wurden aufgeteilt.
Wir waren gehalten, jede Woche einen Brief an die Eltern zu schreiben und das wurde auch kontrolliert. Anfangs wurden die Briefe auch von einem Erzieher gelesen. Wir haben das jedoch nie als Zensur aufgefaßt, vielmehr als eine Kontrolle ob wir auch orthographisch richtig schrieben. Am Anfang haben mir die Klassenkameraden ihre Briefe gegeben, damit ich sie auf Fehler durchlese.
Anfang 1942 wurden vier Mann von jeder Schule zum Einsatz als Lager - Mannschaftsführer in die Kinderlandverschickung in die Slowakei ausgewählt. Ich war auch dabei und darüber war ich natürlich froh. Einerseits war es eine Auszeichnung, andererseits lebte man in der Slowakei wie im Frieden.
Bei grimmiger Kälte fuhren wir - wohl Mitte Januar - über Wien nach Pressburg, von wo wir zu einem 3-monatigen Einsatz kamen. Ich bekam ein Lager von ca 30 - 40 Jungens einer Berliner Oberschule in Trentschin -Teplitz, einem alten Badeort der K + K - Zeit. Die Klasse war relativ alt - der Klassenälteste knapp jünger als ich, doch hatten wir ein sehr gutes Verhältnis. Nur mit dem Lehrer konnte ich es nicht so gut.
Während der Lehrer für den Unterricht zuständig war, hatte ich für die Beschäftigung in der Freizeit zu sorgen. Wir machten unseren normalen Jungvolkdienst - Spiele im Haus, aber auch Geländespiele. Während dieser Tätigkeit hatte ich alle 14 Tage einen Sonntag frei.
Über unsere Lagermutter und deren Sohn, der Medizin studierte bekam ich Kontakt zu anderen Volksdeutschen und mit denen habe ich dann an den freien Sonntagen sehr schöne Skiwanderungen in den slowakischen Bergen gemacht. Natürlich hatten wir auch zwischen den einzelnen Lagern - wir waren 5 Lager in denen AHS-ler waren, Kontakte - auch mit den Mädchenlagern.
Die Mädchenlager waren jedoch die meiste Zeit in Quarantäne wegen irgendwelchen Kinderkrankheiten. Es war Winter und viele hatten Erkältungen. Wir waren deshalb gehalten, jeden Morgen mit Salbei - Tee zu gurgeln.
In der Zeit hatte ich mein erstes Placebo - Erlebnis. In einem Mädchenlager hatte die Führerin die Idee, morgens den Kranken, bei der sie die Meinung hatte, daß es nicht Ernsthaftes sei, in Tabletten geschnittene getrocknete Zahnpasta zu geben. Es schmeckte angenehm nach Pfefferminz, war leicht desinfizierend und wirkte.
Gegen Ende sollte dann eine Maifeier stattfinden und wir beschlossen einen Fanfarenzug aufzustellen. Außer einem oder vielleicht Zweien hatte keiner eine Ahnung wie man eine Fanfare bläst, doch innerhalb von 3 Wochen waren wir soweit, auftreten zu können - auch wenn es ein wenig falsch klang. Wir wollten dann einen schönen Maibaum aufstellen - alle Lager zusammen hatten etwa 300 - 400 Jungens und Mädel. Doch in der Nacht davor haben einige unfreundliche Slowaken unseren Maibaum in Stücke gesägt. Für uns das einzige Anzeichen einer deutschfeindlichen Stimmung.
Irgendwann war ich auch auf die Idee gekommen, mir das Rohmaterial für Knallerbsen - Kaliumchlorat und Schwefel - zu beschaffen und damit zu knallen. Dabei schlug ich mir durch eine Explosion mit einem Stein eine Wunde in die linke Handfläche, die ich jedoch ärztlich versorgen liess. Erst als sie nahezu verheilt war, wurde ich leichtsinnig und holte mir bei dieser Gelegenheit eine ganz häßliche Blutvergiftung. Damit mußte ich nach Trentschin ins Krankenhaus wo ich operiert wurde und seitdem einen steifen Mittelfinger habe.
Zwischendurch hatten wir übrigens eine Lagermannschaftsführer - Tagung in Tatra - Lommnitz, in der Hohen Tatra. Es war sehr schön und auch lustig und wie bei den meisten Tagungen kam nicht viel dabei heraus - außer einer Seilbahnfahrt auf die Lommnitzer - Spitze. Interessant in der Slowakei war übrigens auch, daß es so gut wie alles zu kaufen gab, wenn man Geld hatte. Wir bekamen unser Taschengeld in Landeswährung ausgezahlt und setzten so gut wie alles in Süßigkeiten um. Eigenartigerweise war Brot das einzige, das rationiert war.
Mit meinem Krankenhausaufenthalt in Trentschin war auch meine Tätigkeit in der Slowakei beendet. Die Zeit in Trentschin im Krankenhaus ist mir als eine Zeit des Hungern in Erinnerung. Anschließend war ich so schwach - doch wohl mehr von der Operation - daß man sich entschloß, mich noch 14 Tage zur Erholung in die Tatra - nach Alt Schmecks zu schicken. Während meines Einsatzes hatte ich mich mit dem Inspekteur aller Lager in der Slowakei, Hans Hinnerks angefreundet (er ist später in russischer Kriegsgefangenschaft gestorben) und er leistete mir in der Tatra Gesellschaft. Wir mieteten uns in einem erstklassigen Hotel ein und lebten wie Gott in Frankreich. Er bot mir außerdem an, im Sommer als sein Adjutant wieder zu kommen, doch vorerst mußte ich in die Schule zurück, die inzwischen nach Vogelsang umgezogen war.
Obgleich ich 1/4 Jahr im Unterricht gefehlt habe, hatte ich keine Mühe, die Lücken wieder zu schließen. Vogelsang ist mir erinnerlich als eine einsame, karge Gegend, das Essen war - kriegsbedingt - bereits ziemlich mies und wir haben nachts auf den Feldern bei den Bauern Futterrüben gestohlen.
Wie üblich war auch diesmal für einen Teil der Sommerferien ein Arbeitseinsatz vorgesehen. Diesmal sollte der ganze Jahrgang in die Kohlenbergwerke nach Oberschlesien. Ich selbst hatte immer noch meine Verletzung in der Hand aus der Slowakei - Zeit und wurde davon befreit und ins Memel - Land zum Bauern zum Ernteeinsatz in die Gegend von Heydekrug geschickt.
Dort halfen wir eben bei der Ernte - wir waren zu zweit. Erinnerlich ist mir, daß ich mir eine üble Erkältung zuzog und fast keine Stimme mehr hatte. Weiterhin erinnere ich mich, daß uns der Bauer das Reiten beibringen wollte, woran ich jedoch keinerlei Spass hatte.
Nachdem der Ernteeinsatz vorbei war hatte ich für den Rest des Sommers recht abenteuerliche Pläne. Erst fuhr ich zu Vater nach Ploczizno, wo ich 14 Tage blieb. Vater war kaufmännischer Leiter eines Sägewerks. Das Sägewerk lag mitten im Wald an riesigen Seen und es gab alle möglichen Abwechslungen. Paddeln auf dem See, mit der Sägewerksbahn in den Augustower Forst fahren und sich dort an Walderdbeeren satt essen. Einmal machte ich einen Tagesausflug mit einem Fischer quer über den See zu Bekannten von Vater. Auch traf ich mich mit BDM-Führerinnen, doch irgendwie war ich noch zu jung, um mit Mädchen etwas anfangen zu können. In der Kantine des Sägewerkes hatte ich von Anfang an unbegrenzten Kredit und ich muss Vater eine ziemliche Rechnung hinterlassen haben.
Von Ploczizno fuhr ich nach Berlin, wo mich ein Telegramm von Hans Hinnerks weiter nach Wien verwies und von dort an die slowakische Grenze nach Engerau, d.h. an die Donaubrücke gegenüber von Pressburg. Von dort sollte ich abgeholt werden. Ich hatte weder Paß, noch Visum und saß dort und wartete bis mich jemand abholte, was dann schliesslich auch geschah. Die folgenden drei Wochen fuhren wir zwei, Hans Hinnerks und ich, kreuz und quer durch die Slowakei und inspizierten KLV - Lager. Eine schöne Zeit, die durch ein Telegramm abgebrochen wurde, wonach ich mich im sogenannten Hochlandlager in Bad Tölz zur Übernahme eines neuen Jahrganges melden sollte.
Ich machte mich also auf den Weg - Wien - München - Bad Tölz und nach einem 2 stündigen Fußmarsch, nach 18 stündiger Bahnfahrt kam ich schliesslich müde und hungrig im Hochlandlager an. Es war Sonntag Nachmittag und ich hatte seit Freitag nicht mehr gegessen. Es gab ausgerechnet Kartoffelsalat mit Gurken, was ich nie essen mochte. Seitdem habe ich gelernt, auch Gurken zu essen. Ich brachte meinen neuen Jahrgang von dort aus nach Vogelsang und leitete ihn auch für die erste Zeit.
Der Aufenthalt in Vogelsang war für mich im wesentlichen geprägt durch eine Kontroverse mit unserem Jahrgangserzieher Gogo - eine Abkürzung von Gottfried Goris. Was der eigentliche Anlaß war ist mir heute nicht mehr klar. Nach außen hin hatte er vor der Klasse erklärt, daß es unkameradschaftlich sei, daß ich von der Slowakei aus einem Mädchen in Sonthofen, nicht aber meinen Klassenkameraden geschrieben habe.
Gogo hatte starke homoerotische Neigungen und hatte mich, bevor ich in die Slowakei ging in eine Art Vertrauensstellung gebracht. Ich habe meine Aufgabe angenommen, war jedoch nie auf den Gedanken gekommen, sein Zutrauen anders als dienstlich zu sehen. So mag sein Abwenden von mir - Enttäuschung oder aber auch Eifersucht - gegenüber dem anderen Geschlecht gewesen sein. Auf jeden Fall entwickelte sich von seiner Seite aus eine Aversion, die auf die Dauer auch von mir herzlich erwidert wurde. Ich machte keinen Hehl daraus, daß ich ihn für einen Weichling hielt eine "Flasche" und das ist ihm sicherlich auch zu Ohren gekommen.
Solche Möglichkeiten homoerotischer Zuneigungen gab es sicherlich in unserer Schule in vielfältiger Art. Es gab da bei uns sogar einen ziemlichen Skandal als Erzieher, Knabenfreundschaften entdeckten und einige Schüler von uns wurden deswegen entlassen und nach Hause geschickt. Auch uns hat man angekreidet, daß wir uns abends nach dem Zapfenstreich "Männerwitze" erzählten und verdächtigte uns in ähnlicher Richtung.
Im übrigen hatte ich auch bei Hans Hinnerks nachträglich den Verdacht, daß seine Sympathie zu mir in eine ähnliche Richtung ging, doch zeigte er mir gegenüber nie auch nur die geringsten Zweideutigkeiten. Vielleicht war ich aber auch nur zu naiv und erkannte solche nicht.
Zurück zu Gogo und der Zeit in Vogelsang. Er war besonders aktiv, uns zum Kirchenaustritt zu verpflichten und bei der Berufswahl zu beeinflussen. Während mich Ersteres nicht berührte - meine Eltern waren bereits ausgetreten und wir Kinder damit auch - störte mich das Letztere sehr.
Ich war einer von den wenigen (wir waren Drei) die eindeutig sich für einen Zivilberuf - und nicht den Staatsdienst oder einen Parteiposten - entschieden hatten und das ständige Mahnen und die Hinweise auf die Dankbarkeit, die wir doch der Partei zu erweisen hätten, gingen mir doch gegen den Strich.
So kam es, daß ich eines Tages die Gelegenheit nutzte um unseren Obersten - den Inspekteur aller Schulen - darauf anzusprechen und derselbe unserem Schulführer den Hinweis gab, daß solche Einflußnahmen nicht im Sinne der Schulpolitik seien. Sicherlich hat dann Jupp (unser Schulführer, der Gogo nicht grün war) ihm entsprechend die Meinung gesagt, mit dem Erfolg, daß Gogo der Klasse mir gegenüber Sprechverbot gab und mich im Unterricht ignorierte. Das war keine angenehme Situation für mich, doch ich schaltete auf stur (wen wunderts). Die Angelegenheit ging so weit, daß auf der einen Seite Gogo den Jahrgangssprecher dahingehend beeinflußte, daß dieser mich überreden wollte, daß ich mich zu einer anderen Schule - den Schwaben - versetzen lassen solle und ich erklärte, daß man das nur per Verfügung - also auf dem Strafweg - tun könne. Auf der anderen Seite stand Jupp, der mir die Stange hielt und jede Gelegenheit nutzte, um mich auszuzeichnen und damit Gogo seine Opposition zu zeigen. Es waren in den wenigen verbleibenden Monaten - etwa von September bis Dezember manchmal groteske Situationen, die jedoch ihr abruptes Ende mit dem sogenannten Abschlußlehrgang fanden.
Nach Weihnachten wurde von der Schulleitung beschlossen, daß alle Schüler unseres Jahrgangs, die Schule beenden sollten.
Der Jahrgang vor uns war bereits Soldat geworden und wir erhielten auch bereits die ersten traurigen Meldungen von Gefallenen. Zwei meiner Stubenkameraden - zeitweise wohnten beide ersten Jahrgänge in Stubengemeinschaften zusammen - fielen, solange ich noch in Sonthofen war.
Im Januar wurde der Jahrgang aufgelöst. Er bestand zur Hälfte aus 1925 und zur Hälfte aus 1926 geborenen. Der Jahrgang 1925 machte nun in Sonthofen das Abitur, der Jahrgang 1926 kam nach Köln als Flak - Helfer in den Einsatz. Wir wurden in Sonthofen - ca 150 Schüler - von prominenten Persönlichkeiten aus Partei und Wirtschaft im Stil von Vorlesungen mit allgemeinbildenden Themen aus Geschichte, Politik , Soziologie Kunst und Musik unterrichtet. Der Tag fing -etwas albern - mit der Lesung eines kurzen Abschnitts aus "Mein Kampf" an - eine Art "Bibellesung". Die daran anschließenden Vorträge hatten jedoch beachtliches Niveau und waren sehr interessant.
An prominenten Rednern sind mir erinnerlich: Staatssekretär Dr. Keppler, der eine bedeutende Rolle beim Anschluß von Österreich spielte, Dr.Pfannmüller, der Leiter der Irrenanstalt Egelfing war und über Euthanasie sprach,. Professor Schmitthenner sprach über Architektur. Auch hielten ausgewählte Erzieher Vorträge. Auch wurde uns von SS-Brigade Führer Eichmeyer (der einen Sprachfehler hatte) ein Vortrag, über die Pläne, die man mit den Juden hatte, gehalten. Danach sollten Sie im Raum Lublin in eine völlige Autonomie mit Selbstverwaltung umgesiedelt werden. "Dort können sie sich selbst bescheißen" meinte er. Er wurde später hingerichtet.
Erinnerlich ist mir auch ein Vortrag über den Niedergang des Römischen Reiches, dadurch charakterisiert, dass die Goldwährung immer mehr verfälscht wurde, bis schliesslich der Goldgehalt nur noch bei 2 % lag. Heute machen wir es ähnlich, nur mit Papier.
Schließlich fand dann eine Abschlußprüfung statt. An der nahm als prominentester Teilnehmer Dr. Robert Ley teil. Die Prüfung gliederte sich in zwei Teile; beide waren jedoch nur mündlich und die Prüfung zusammen mit den Vorzeugnissen entschied ob man das Diplom - das zum Eintritt in weitere Parteischulen berechtigte - oder nur ein Abgangszeugnis bekam, das lediglich als Abitur galt.
Eine der Prüfungen war in Gesellschaftswissenschaft - Gemeinschaftskunde genannt - eine Zusammenfassung von Deutsch, Geschichte, Geographie, Religion, Blick in die Welt (Politische Gegenwartskunde) und Fremdsprachen. Man zog aus einer Urne ein Los, mußte sich kurz auf das Thema vorbereiten und dann eine halbe Stunde darüber einen Vortrag halten und anschließend Rede und Antwort stehen.
Mein Thema war "Kann ein Nationalsozialist ein guter Christ sein". Es war dies eine Interpretation von Parteiprogramm - Punkt 25, der Staat und Kirche trennte und der Kirche das Recht absprach, in die Politik einzugreifen.
Der zweite Teil der Prüfung bestand in einer dreigeteilten mündlichen Prüfung in den Fächern Physik, Chemie und Biologie. In diesen 3 Fächern war ich der Beste in der gesamten Gruppe Am folgenden Sonntag wurde dann in einem feierlichen Akt in der Turnhalle uns allen von Baldur von Schirach und Robert Ley das Diplom überreicht, auf das wir verständlicherweise sehr stolz waren. Über unsere beiden Schirmherren möchte ich an dieser Stelle einige Worte verlieren.
Reichsjugendführer Baldur v.Schirach war in unser aller Augen alles andere als ein Jugendführer. Eine blässliche Gestalt, ein wenig künstlerisch angehaucht und über den Wolken schwebend, hatte er eigentlich nie Kontakt zu der Jugend oder konnte Begeisterung wecken. Er war jedoch so weit weg, daß das für uns auch keine Rolle spielte.
Reichsorganisationsleiter Robert Ley, dem die Deutsche Arbeitsfront (ein Gewerkschaftsersatz) unterstand, war äußerlich ein häßlicher fetter Kerl, dem die Uniform überhaupt nicht stand. Bekannt war seine Liebe zum Alkohol. Andererseits war er ein glühender Nationalsozialist und obgleich er sowohl lispelte als auch stotterte, war er ein Redner, der seine Begeisterung auf seine Zuhörer übertragen konnte. Man sah in ihm einen sympathischen Parteiopa, der keiner Fliege etwas zu Leide tun konnte, der jedoch ein Herz für die Jugend hatte. Er war außerdem der, der das Geld für unsere Schule zur Verfügung stellte. Böse Zungen bei uns nannten ihn auch - wegen seines Aussehens - Robert Levy. Sein früherer Beruf war Chemiker. Beide sind im Nürnberger Hauptprozeß Angeklagte gewesen. Robert Ley wählte den Freitod, Baldur von Schirach saß seine 20 Jahre Haft in Spandau ab.
Wir hatten nun die Schule beendet und wurden nach Hause entlassen um auf unsere Einberufung zu warten. In der Zwischenzeit sollten wir noch irgendwo für die Hitlerjugend arbeiten. Mir war der Sinn mehr nach dem Labor in den Mauser - Werken und ich war deshalb ganz froh als ich, nachdem ich mich in Straßburg gemeldet hatte, wieder nach Hause geschickt wurde.
Im Grunde war mir alles im Jungvolk und auch in der Hitlerjugend was mit Schulung und Indoktrinierung zu tun hatte zuwider. Es schien mir so sinnlos, Parteiprogramme und wie die einzelnen Minister hießen, auswendig zu lernen. Die Naturwissenschaften waren für mich interessanter und auch die Erlernung geschichtlicher Zusammenhänge.
Das Jungvolk bot jedoch uns Jungs Betätigung in der Natur - Sport, Geländespiele - das dem Naturell des Heranwachsenden entsprach. Alles jedoch was sich im Raum abspielte war mir langweilig, soweit es nicht meinen schulischen Interessen entsprach.
Ich habe dann die Zeit von der Schulentlassung bis zur Einberufung ( l.Juli 1943 ) bei Mauser gearbeitet. Es hatte dies noch ein Problem. Da Mutter mit Vater zusammen nach Kiew ging und das Haus leer stehen würde, wollte Vater es nicht zulassen, daß ich alleine im Haus blieb. Mutter hat es mir jedoch heimlich ermöglicht. Ich denke, ich wirtschaftete ganz gut alleine. Meine Schwester Hanne(-liese), die im Ort Ihr Haushaltsjahr machte, schaute ab und zu herein und half mir, Ordnung zu halten.
In dieser Zeit benützte ich mein verdientes Geld um an einem Wochenende nach Straßburg zu fahren. Zu der Zeit gab es in den besetzten Gebieten immer noch mehr zu kaufen, als im Reich und in Straßburg gab es die Möglichkeit, sich eine Armbanduhr zu kaufen. Man mußte lediglich jemanden haben, der dazu berechtigt war - entweder einen Elsässer oder einen Soldaten, der dort stationiert war. Es machte mir keine Schwierigkeiten, jemanden zu finden, der mir half.
Eine andere Erinnerung aus dieser Zeit ist ein Abenteuer mit unserer polnischen Putzfrau im Labor. An sich hatten wir zu Franziska ein nettes Verhältnis - sie gehörte mit zu uns, nur hatte sie die Gewohnheit, bei uns an den Alkohol zu gehen..
Auf Anraten unseres Chefs gab ich ihr dann einmal welchen, in dem Phenolphthalein gelöst war. Letzteres ist ein bekanntes Abführmittel. Sie bekam einen schrecklichen Durchfall und am nächsten Tag mußte ich sie in ihrem Lager aufsuchen und mit Aktivkohle wieder kurieren. Sie hat es überstanden ohne Schaden zu leiden, doch war sie wohl kuriert.
Wir hatten in Oberndorf in der zweiten Hälfte des Krieges eine Vielzahl von Fremdarbeitern - Polen, Franzosen, Holländer und Ukrainer. Ich kann mich nicht erinnern, daß diese besonders schlecht behandelt wurden. Die Franzosen, die zum Teil noch Kriegsgefangene waren, beneideten wir um ihre gute Verpflegung und darum, daß sie aus ihrer Heimat Pakete mit Dingen bekamen, die bei uns nicht mehr zu bekommen waren. In der Kantine wurden alle Arbeiter gleich verpflegt.
Sicherlich war das Lageressen nicht besonders, doch sicherlich so gut wie das, was ich als Soldat in Kottbus bekam. Sicherlich hat sich die Situation nach 1943 verschlechtert, jedoch so schlecht wie die deutschen Zivilisten nach 1945 verpflegt wurden, wurde sicherlich keiner der Fremdarbeiter in Oberndorf verpflegt. Auch die sonstige Behandlung schien mir nicht so schlecht.
Ich erinnere mich als 1940, als ich noch im Baubüro arbeitete, einmal ein Meister einem polnischen Arbeiter, der wohl etwas renitent wurde, eine heruntergehauen hat. Sofort war die Werkspolizei da und es war fast ein Wunder, daß der Meister deswegen nicht verhaftet wurde.
Soldatenzeit
Am 1. Juli wurde ich dann zur Division "Grossdeutschland" nach Cottbus eingezogen. Der Beginn war grotesk. Wir waren eine Kompanie von Offiziersbewerbern - aktive und Reservisten. Die Reservisten waren fast ausnahmslos AHS-ler, die Aktiven zu einem grossen Teil Adelige.
An sich war Grossdeutschland (kurz GD ) das frühere Wachregiment Berlin und als solches die Eliteeinheit des Heeres. Die einzige, die nicht irgendeinen Beigeschmack der Partei hatte. - Im Gegensatz zur Waffen - SS, der Division "Hermann Göring" und der Division "Feldherrenhalle". So war es nur natürlich, daß der Adel sich in dieser Division sammelte.
Nun war für die aktiven Offiziersbewerber eine längere Aufnahmeprüfung vorgesehen, so daß wir Reservisten für 14 Tage wieder nach Hause geschickt wurden. Da bei mir ja niemand zu Hause war, liess ich mir meinen Urlaubsschein kurz entschlossen nach Danzig zu meinem Freund Hinnerks ausstellen, der in Adlershorst wohnte, und bei dem ich einen sehr schönen Urlaub verbrachte. Bei dieser Gelegenheit zeigte er mir Danzig und Westpreussen. Vor allem die Marienburg beeindruckte mich sehr.
Als wir nach 14 Tagen zurückkehrten, waren die Prüfungen noch immer nicht abgeschlossen und man wusste wieder nichts mit uns anzufangen. So wurden wir tagsüber in die Stadt auf Urlaub geschickt. Da normalerweise ein Rekrut erst Stadturlaub bekommt, wenn er sich in seiner Uniform richtig bewegen kann, d.h. wenn er gelernt hat, wie man vorschriftsmässig grüsst, bekamen wir jeder eine Bescheinigung, daß wir noch nicht grüßen können. So seltsame Bräuche herrschten damals.
Nachdem so die ersten Tage völlig unnormal liberal vorübergingen, ging es dann aber richtig los. An sich war die sogenannte Grundausbildung recht hart, da wir aber von Sonthofen einiges gewohnt waren und wir alle - oder doch ein hoher Prozentsatz sich persönlich kannten, konnten uns die Ausbilder nicht sehr treffen - d.h. gegeneinander ausspielen. Außerdem faßten wir viele Übungen sportlich auf und es machte uns Spass. Wir waren ja körperlich durchtrainiert. Vielleicht hielten sich die Sadisten unter den Ausbildern - und solche gab es - zurück, denn sie konnten es sich ja an den Fingern abzählen, wann ihre Rekruten ihre Vorgesetzten werden würden. Auch konnte uns im einen oder anderen Fall Schikanen nicht so sehr berühren - wir waren ja von Sonthofen schon einiges gewohnt.
Nach relativ kurzer Zeit zogen wir von der mehrere Jahre alten, aber modernen Hermann-Löns-Kaserne in die Artillerie-Kaserne, einem Rohbau um. Dort bekamen wir dann unsere Spezialausbildung und das Ganze ging ganz schön hart her. Laufschritt mit Singen unter der Gasmaske und ähnliche Scherze waren nicht ungewöhnlich. Unsere Übungsplätze waren die sogenannten Schwarzen Berge, ein Garnisons - Übungsplatz, der den Vorteil hatte, daß er ein riesiges Sandgelände war, in dem das Eingraben fast ein Vergnügen war.
Ich hatte schon sehr früh Freude am Bedienen und Warten der Maschinengewehre gefunden und war auch die ganze Zeit Maschinengewehr - Schütze. Es war nachträglich gesehen eine harte, aber schöne Zeit.
Der Sommer 1943 war sehr heiss und wir hatten einen Tagesplan, der um 5 Uhr morgens anfing, von 12 - 15 Uhr Mittagspause hatte und dafür aber bis 20 Uhr ging. Meist zogen wir um 13 Uhr ins Schwimmbad, wo wir auch den Dienstplan von 15 - 17 Uhr - meist Unterricht absolvierten.
Vor der Artilleriekaserne lag ein riesiges Schrebergarten - Gebiet in dem wir nachts regelmässig ernteten. Um die Sache unauffällig zu machen, haben wir unsere Ernte immer sehr sorgfältig abgewickelt, d.h., wir haben nichts zertrampelt oder zerstört und von jedem Baum nur ein paar Äpfel genommen. Im Dezember fing dann unsere Fahrschule an. Zuerst - bis Weihnachten bei Glatteis auf schweren 750er BMW mit Seitenwagen. Nach Weihnachten hatte es getaut und wir gingen auf Geländefahrt. Das machte so recht Spass. Anschliessend wurde dann auch noch auf Lastwagen gelernt. Ich bekam jedoch ausser dem Motorrad - Führerschein nur noch den für Personenwagen.
Im Februar 1944 wurden wir dann - wieder in der Hermann Löns - Kaserne erstmals befördert.. Erst Reserveoffiziers - Anwärter, dann Gefreiter.
Damit begann die Unterführer - Ausbildung. In der Zwischenzeit wurde im nahen Wald ein sogenanntes Offiziersbewerber - Dorf gebaut, einem Baracken - Lager in das wir dann im April einzogen. Davor waren wir nach Waffengattungen getrennt und nun wurden wir zusammengefasst. D.h. alle Waffengattungen der Division waren vertreten. Ich war als Panzer - Aufklärer mit den Panzern und den Panzerjägern zusammen. Nun waren die ganzen Offiziersbewerber der Division in einer Einheit unter der Leitung von Oberstleutnant Max Klüver, einem Ritterkreuzträger, der in Sonthofen Erzieher bei uns war, zusammengefasst.
In diesem OB-Dorf haben wir nur den letzten Teil unserer Unterführer - Ausbildung mitgemacht und vor uns stand bereits der Fronteinsatz.
Im Rahmen dieser Ausbildung fand auch ein Divisions - Sportwettkampf statt, an dem ich im 1500 m Lauf teilnahm und weil ich den 2. Platz belegte 4 Tage Sonderurlaub bekam. Die Regelung war damals, daß der Urlaub vom Durchtritt durch die Sperre am Bahnhof genau 96 Stunden dauern durfte. Für zwei weitere sportliche Erfolge bekam ich nur Urkunden.
Für diesen Sonderurlaub konnte ich über Halle mit dem Schnellzug Berlin - Konstanz genau 2 Tage zu Hause sein, was ich natürlich ausnützte. Leider verpasste ich den Schnellzug zurück, weil ich zu Hause meine Gewehr liegen gelassen hatte. Ein ärztliches Attest bewahrte mich davor in den Bau zu kommen. - Bau nannte man das Soldatengefängnis in das man wegen eines solchen Vergehens für 3 Tage eingesperrt wurde. Die Verpflegung während dieser 3 Tage bestand lediglich aus Wasser und Brot.
Im OB-Dorf traf ich auch wieder mit meinem Schulfreund Friedrich Scherer zusammen, der bei den Grenadieren war. Er holte sich in dieser Zeit eine Gelbsucht und ich fühlte mich verpflichtet, ihm Zusatzverpflegung in Form von Äpfeln zu verschaffen. Unsere Taktik dabei war, daß wir tagsüber bei der Geländeausbildung einen geeigneten Garten ausfindig machten und abends nach dem Dienst mit Taschenlampe, Brotbeutel und Pistole (weshalb letztere, weiss ich nicht mehr) sich auf den Weg machte.
Auf dem Weg, der durch den Branitzer Park führte, hörte ich ein Rascheln und beim Schein der Taschenlampe sah ich zwei Rehe, von denen ich eines mir der Pistole erlegte. Ein Unteroffizier, der im Zivilberuf Förster war, half mir das Tier zu zerlegen und wir organisierten ein Festessen.
Als wir schliesslich zu Reserve-Offiziers-Bewerber (ROB) - Unteroffizieren befördert waren, organisierten wir, bevor wir an die Front gingen, einen Abschiedsabend. Um das notwendige "Rohmaterial" dazu zu haben, wurde erst einmal Wolfgang Kempmann auf Sonderurlaub nach Mainz geschickt, wo ein Onkel von ihm eine Sektkellerei hatte. Milo von Bismarck und ich gingen übers Land, um bei Bauern Eier zu erbetteln damit wir etwas zu essen hatten. Der Abend war dann ein voller Erfolg.
Wenige Tage später feierten wir dann unter Schulkameraden noch einmal Abschied. Wir waren vier aus unserem Jahrgang. Für zwei von uns, Heini Buchleither und Manfred Seelbach, war es ein Abschied für immer, sie fielen beim ersten Einsatz.
Ich wurde in eine neu aufgestellte Panzer- Aufklärungs-Abteilung (Bataillon) der Division Grossdeutschland als Gruppenführer eingeteilt. Wir waren mit den neuesten und modernsten Waffen ausgerüstet und meine Gruppe bestand aus 2 Dreiviertel - Tonner Schützenpanzerwagen mit je 5 Mann Besatzung. Einer unserer Zugführer war übrigens Vicco von Bülow, später als Loriot berühmt. Wir wurden nun auf die Bahn verladen und sollten zu unserer Division nach Rumänien stossen Unterwegs bekam ich jedoch einen Furunkel im Ohr und kam in Debrecen in Ungarn ins Lazarett. Der Furunkel ging glücklicherweise in der Nacht vor der Operation von selbst auf und ich hatte herrliche 14 Tage in einem schönen Lazarett.
Drei Erlebnisse in dieser Zeit schienen mir der Erwähnung wert. Einmal spendete ich Blut für einen verwundeten Soldaten, dem das Schultergelenk amputiert werden musste. Bei dieser Gelegenheit wurde ich auf eine Liege neben den Operationstisch gelegt. Eine Schwester neben mir entnahm mir Blut, das, mit physiologischer Kochsalzlösung verdünnt dem Patienten während der Operation nach Angabe des Narkose - Arztes zugeführt wurde. Sicherlich die beeindruckendste Art der Blutspende, bei der man unmittelbar wusste, wofür man spendete.
Unser Chefarzt der HNO - Abteilung bot interessierten Soldaten die Möglichkeit, bei Operationen zuzusehen. Auf diese Weise sah ich eine Mittelohr - Operation und eine zweite, die sehr kompliziert war.
Dabei wurde ein etwas älterer Soldat operiert, von dem man vorher nur wusste, daß er einen Schlag über den Kopf bekommen hatte und sowohl das Augenlicht, als auch die Nase verletzt war. Schon beim Anlegen der Narkose bekam er einen Herzstillstand, der mit Mühe überwunden werden konnte. Dann wurde der Verband abgenommen und man stellte fest, daß ein Auge nicht mehr zu retten war. Die Stirnhöhle hatte einen Trümmerbruch und die Schädeldecke über dem zweiten Auge war auch zertrümmert. Man hat durch ein Loch in der Stirnhöhle erst einmal die Knochendecke über dem Auge gereinigt und stabilisiert und dann die total zertrümmerte Nase geflickt. Anschliessend rettete der Augenarzt das eine Auge und entfernte das andere. Die Operation dauerte insgesamt 4 Stunden, doch war dem Soldaten ein Auge gerettet.
Das dritte Erlebnis war der 20.Juli 1944. Von dem Attentat erfuhren wir über das Radio, doch Details natürlich nur sehr bruchstückhaft. Was uns jedoch sehr nahe ging, war, daß wenige Tage später ein Lazarettzug direkt von einem Hauptverbandsplatz eintraf. Nach den Aussagen leichter verwundeter Soldaten waren sie von der Division des Generals Lindemann, der ebenfalls bei den Verschwörern war und die Division während eines Angriffs der Russen führerlos gelassen hatte. In dem daraus resultierenden Chaos wurde die Division restlos aufgerieben und wir konnten die Folgen sehen. Seitdem habe ich - und sicherlich auch die Soldaten dieser Division - ein sehr zwiespältiges Verhältnis zu den Helden des 20. Juli.
Schliesslich wurde ich aus dem Lazarett entlassen und sollte zu meiner Einheit zurückkehren. Die Aufklärungsabteilung war seinerzeit in Rumänien nur ausgeladen worden um dann zusammen mit der gesamten Division nach Ostpreussen verladen zu werden. So wurde ich dorthin in Marsch gesetzt. Ich fuhr zunächst nach Budapest, das wir nicht betreten durften, d.h. wir wurden von dem Ostbahnhof in Lastwagen zum Westbahnhof transportiert und fuhren von dort aus nach Wien weiter. Dort hatte ich einen Tag Aufenthalt und machte mit einem anderen Soldaten, mit dem ich mich auf der Fahrt angefreundet hatte, einen lustigen Tag im Prater.
Am Abend fuhr ich dann weiter über Prag nach Ostpreussen bis nach Tauroggen, wo meine Eisenbahnfahrt zu Ende war. Von dort
aus suchte ich dann meine Einheit.
Ein Leutnant, der zusammen mit zwei Landsern ebenfalls mit dem Zug ankam und zu unserer Division gehörte beanspruchte mich sogleich. Die beiden Landser hatte er auf einem Bahnhof in Ostpreussen aufgelesen, wo sie wegen unerlaubter Entfernung von der Truppe, der Feldgendarmerie in die Finger gefallen waren. Sie hatten auf dem Weg zur Front 3 Tage lang auf eigene Faust Urlaub gemacht. Unser Leutnant war der Ansicht, daß die Angelegenheit in der Division erledigt werden sollte. Einer von den beiden war Koch in der Artillerie-Kaserne in der Zeit als ich dort Rekrut war und beide dachten, daß sie vor ein Kriegsgericht kämen.
Ich sollte die Beiden zunächst bewachen, bis der Leutnant unsere Feldgendarmerie gefunden hatte. Was aus den Beiden geworden ist weiss ich nicht, doch auch bei Preussens wird nichts so heiss gegessen, wie es gekocht wird. Nun ich fand meine Einheit und als erstes gab man mir einen grossen Sack, in dem alles was sich von "Nicht anwesenden" gesammelt hatte aufgehoben wurde. Post, Habe von Verwundeten und alles was so in etwa herrenloses Gut war.
Ich habe meine Post und auch die Dinge die ich bei der Einweisung ins Lazarett zurückgelassen hatte, wieder an mich genommen und mich dann auf den Weg zum Kompanie - Gefechtsstand gemacht.
Meine Einheit war gerade im Einsatz und die Zurückgebliebenen waren damit beschäftigt, ein Schwein stückchenweise zu braten. Es war so üblich, daß man sich mit einem Bauern geeinigt hat, zusammen ein Schwein zu schlachten. Den Teil, den man bekam, kaufte man ihm ab und versorgte so sich selbst. Man konnte annehmen, daß die Kameraden aus dem Einsatz bei der Rückkehr hungrig waren und so sorgte man für sie. Wir hatten ein offenes Feuer und die Teile des Schweines wurden säuberlich in entsprechende pfannengerechte Teile zerschnitten für uns (natürlich zuerst) und dann auf Vorrat gebraten. Die Zurückgebliebenen waren die Fusskranken und die Schreibstube.
Schliesslich wurde es Abend und die ersten kamen mit entsprechenden Schreckensmeldungen zurück. Unser Kommandeur war gefallen und wir hatten viele Tote und Verwundete.
Wir wurden zu neuem Einsatz eingeteilt. Mir gab man zusammen mit sieben Mann einen Schützenpanzer, der einigermassen intakt war. Er hatte neben der Beifahrerluke einen Treffer von einer Panzersprenggranate bekommen. Neben dem Fahrer, der durch den Hülsensack des Maschinengewehrs geschützt war und einem Sanitäter, der schwer verwundet war, war die ganze Besatzung tot.
Der Fahrer hatte jedoch den Panzer - und natürlich vor allem - sich selbst gerettet. Man hatte ausser den eigenen Toten noch zwei andere hineingeladen und der Panzer war randvoll. Meinem Vorgänger hatte der Granattreffer den halben Schädel abgerissen, ein zerfetzter Unterleib lag da und unsere Aufgabe war, den Panzer in den nächsten 2 Stunden wieder einsatzbereit zu machen.
Wir räumten ihn aus - erst die Toten, dann das was von ihnen noch im Panzer war - im Gemisch mit Patronenhülsen, Resten des Kampfes und Dingen, die ihnen sonst noch gehörten. Mit der Taschenlampe im Mund - ich hatte einen Gummimantel (Krad - Mantel) an, den ich an den Hand- und Fussgelenken zuknöpfen konnte - arbeiteten wir wie die Schlächter, lediglich mit dem Ziel in kürzester Zeit wieder an die Front zu fahren.
Es ist mir heute unverständlich, mit welcher unbeteiligten nüchternen Sachlichkeit (ich war 18 1/2 Jahre alt) man sich auf seine Aufgabe konzentrierte. Ich erinnere mich noch heute, wie mein Fahrer eine Emailschüssel mit Schmalz hatte, auf der ein Stück Gehirn lag. Er fischte es vorsichtig heraus und das Schmalz war wieder zu verwenden. Das in Zellophan verpackte Dauerbrot ( die sogenannte eiserne Ration) war mit Blut beschmiert. Man wusch es ab und das Brot war gerettet.
Gegen 10 Uhr nachts fuhren wir wieder zum Einsatz. In den folgenden Tagen - es war sonnig und heiss - wurden wir den Gestank in unserem Schützenpanzerwagen nicht mehr los, so sehr wir auch versuchten - wo wir an einen Brunnen kamen - ihn zu waschen. Die Überreste waren überall eingetrocknet.
Noch weniger wurden wir die Fliegen los, die dadurch angelockt wurden. Am nächsten Tag fuhr ich auf den Hauptverbandsplatz - ich glaube, ich musste einen Verwundeten von meinem Panzer hinbringen - da lag unser Kommandeur - zugedeckt - tot - Kopfverletzung - Granatsplitter.
Die folgenden Tage waren wir zur Flankensicherung und zu Spähtrupps eingesetzt. Bei einem Spähtrupp stiessen wir auf zwei Iwans - erst war ich versucht , sie gefangen zu nehmen, wir waren jedoch so weit in den feindlichen Linien, daß wir sicherlich entdeckt worden wären, wenn wir Lärm gemacht hätten. So verschwanden wir lautlos. Eines Nachts - ich war auf Patrouille auf einem abgeernteten Kornfeld als sich die " Rollbahnkrähe" bemerkbar machte. Wir nannten einen russischen Flugzeugtyp so, der langsam und altmodisch war und sich tags nicht sehen lassen konnte. Nachts war er jedoch ständig unterwegs, warf Bomben, schoss, manchmal stellte er den Motor ab, um besser zu hören und sorgte ständig für Unruhe. Der Schaden den er anrichtete war nicht gross, doch war man eben nie vor ihm sicher. So sah er mich wohl auch in der Dunkelheit und plötzlich sah ich eine Leutspurgarbe auf mich zukommen. Nun - er hat mich nicht getroffen, doch bekam ich einen tüchtigen Schreck.
Einige Tage später wurden wir dann zum Angriff eingesetzt. Über eine von der Infanterie eingenommene Eisenbahnbrücke bei Kursenai ging es vorwärts. Bei der Einnahme dieser Brücke sind zwei meiner Klassenkameraden, Heini Buchleither und Manfred Seelbach gefallen.
Hinter dieser Brücke sind wir dann gleich in eigenes Artilleriefeuer geraten - ein komisches Gefühl, wenn man von den eigenen Leuten beschossen wird. Doch weiter gings. Wir kamen ganz gut voran und bei einem grösseren Aufenthalt, es war schon später Nachmittag, sahen wir uns die Umgegend ein wenig an.
Plötzlich stand ich hinter einem deutschen Panzer - und es gab einen Mords - Bums. Er war von einen T 34 von vorne beschossen worden und fing an zu brennen, doch konnte der Brand schnell gelöscht werden. Der Kommandant war verwundet worden und ich ging mit ihm zurück - auch um eine Panzerfaust zu holen und um mich an den T 34 zu machen. Unsere Einheit musste jedoch weiter.
An einem der nächsten Tage sah ich den Panzer bei der Reparaturabteilung wieder. Er hatte auch noch von hinten einen Treffer bekommen, kurz nachdem ich weggegangen war; - von einem zweiten T 34. Einen der Russen konnte er erledigen und wohl aus eigener Kraft zurückfahren.
Am folgenden Tag kamen wir bis kurz vor Schaulen und unser kommandierender General - Hasso von Manteuffel - tauchte bei uns auf. Das war meist ein Zeichen, für besonders dicke Luft. Schliesslich war jedoch unser Angriffsziel, nämlich die Verbindung zum abgeschnittenen Kurland herzustellen , erfüllt und wir zogen uns zurück. Bei dieser Gelegenheit kam es noch zu einem Zwischenfall.
Ein anderer ROB - Unteroffizier aus meiner Einheit, dessen Panzer abgeschossen war, stieg auf meinen Panzer um. Er wurde dann über Sprechfunk zum Kompanieführer gerufen. Auf dem Weg dorthin ging er an einem brennenden T 34 vorbei und in dem Augenblick explodierte dieser und er fiel.
Offenbar wurde dann gemeldet, daß der Unteroffizier aus dem Panzer 333 (meiner) gefallen war, mit dem Ergebnis, daß einige Zeit später meine Eltern eine entsprechende Nachricht bekamen. Glücklicherweise war ich zwischen dem Eintreffen der Nachricht und dem Todesdatum zu Hause, so daß meine Eltern den Irrtum merkten.
Inzwischen wurden wir zu anderen Aufgaben eingesetzt und dabei übel zugerichtet. Die Nachbarkompanie geriet während der Bereitstellung zu einem Angriff in die Salve einer Stalinorgel (ein Salvengeschütz) und hatte über 40 Tote und Verwundete.
Bei dieser Gelegenheit traf ich auch in der übelsten Schiesserei meinen Freund Friedrich Scherer, der gerade zwei Verwundete wegbrachte. Bei der Schiesserei war vor allem die Artillerie unangenehm. Ein Treffer in den oben offenen Schützenpanzer hätte die ganze Besatzung ausgelöscht.
Unsere Abteilung war in kurzer Zeit so dezimiert, daß wir nur noch einen einsatzfähigen Offizier hatten. Wir wurden aus der Front herausgezogen und dann anderweitig eingesetzt. Dabei mussten wir ein unbekanntes Gelände infanteristisch durchkämmen. Überraschend bekamen wir Artilleriefeuer und ich ging in Deckung. Dabei vergass ich, daß ich kurz vorher mir auf einem Bauernhof Eier organisiert hatte, von denen natürlich in der Tasche eines zerbrochen war. Erst in der kommenden Nacht hatte ich Gelegenheit, den Eierkuchen in meiner Tasche, bestehend aus Pistole, Tarnnetz und dem Ei zu beseitigen. Wir gruben uns am Rand einer Kiefernschonung für die Nacht ein und machten dann einen Spähtrupp in das vor uns liegende Niemandsland - ein verlassenes Bauerngehöft. Wir hörten dort verdächtige Geräusche und schossen natürlich sofort. Beim Schein der nächsten Leuchtkugel sahen wir dann, daß es sich um eine Schafherde gehandelt hatte.
Am nächsten Morgen wurde ich durch einen Artillerieüberfall geweckt. Ein - Gott sei Dank - kraftloser, jedoch noch heisser Granatsplitter landete auf meinem Arm. Leider wurde jedoch unser M.G.Nest vom nächsten Waldrand aus entdeckt und in kürzester Zeit beharkte man uns mit einer Panzerabwehrkanone. Das war ein wenig ungemütlich, denn man konnte sich ja nicht wehren. Im Verlauf des Beschusses wurde ein Mann von mir verwundet - der zweite insgesamt in meiner Gruppe. Glücklicherweise war es nur eine Streifwunde am Kopf, die harmlos war.
Wir zogen uns dann zurück und unser nächster Einsatz war eine sogenannte gewaltsame Aufklärung. Vorgesehen war, über einen Fluss vorzudringen und Widerstand gewaltsam zu brechen. Zu diesem Zweck stellten sich die schwer bewaffneten Panzer gedeckt auf einer Höhe auf und wir gingen infanteristisch über ein etwa 100 m weites Feld an das Flussufer vor. Dabei wurde dann festgestellt, daß der Fluss versumpft und sehr tief und das gegenüberliegende Steilufer schwer befestigt war - mit Erdbunkern. So lagen wir wie auf dem Präsentierteller und wurde kräftig beharkt. Wir mussten wieder zurück. Als wir uns im Wald sammelten stellten wir fest, daß wir trotz der wilden Schiesserei keinerlei Verluste hatte. Es wird eben viel geschossen und wenig getroffen.
Ich musste dann noch mit meiner Gruppe am Fluss entlang eine Furt suchen. Diese fand ich schliesslich, doch war auch sie durch einen Erdbunker geschützt. Der Angriff wurde daraufhin abgebrochen. Während wir nun im Einsatz waren, war unser Fahrer mit dem Panzer zurückgeblieben und hatte für uns eine anständige Portion Schweinefleisch gekocht und wir genossen dasselbe und natürlich auch das noch - am - Leben - sein mit einer Flasche bulgarischen Tresters (sogen. Goebbelsschnaps (nach seinem Spender benannt) und kamen uns vor wie die Herren der Welt.
Unser nächster Einsatz war wieder eine Flankensicherung an einem Waldrand. Wir hatten wieder unser MG am Waldrand eingegraben und etwas querab einen Beobachter aufgestellt um die freie Fläche vor uns zu übersehen. Ausserdem hatten wir einen Artilleriebeobachter bei uns, der im Gefechtsfeld Sperrfeuerräume aufbaute. Wir hatten eine sehr exponierte Stellung. Auf der linken Seite setzte sich der Wald ungeschützt fort, während wir auf der rechten Seite eine Anschlussgruppe hatten. Wir schützten die linke Seite, indem wir einen mit einer Eierhandgranate geladenen Stolperdraht installierten.
Als ich die Verbindung mit meiner rechten Nachbargruppe aufnahm, erfuhr ich, daß ich gerade eine verminte Strasse überquert hatte. Für den Rückweg war es ein komisches Gefühl, über eine verminte Strasse zu gehen.
Inzwischen hatte uns der Iwan entdeckt und beharkte uns mit Sprenggranaten, die er in die Bäume über uns schoss. Zwei Bäume legte er auf unseren MG-Stand und die übrigen Baumkrepierer waren ganz schön ungemütlich. Schliesslich kam ja der Segen von oben und man hatte keinerlei Schutz. In dieser Stellung kam dann auch schon die Nachricht, daß unser Fronteinsatz zu Ende sei und daß wir in die Etappe zurück sollten.
Sehr viel vom Russen habe ich in der Zeit meines Einsatzes eigentlich nicht gesehen. Es waren in der Hauptsache Materialschlachten. In unserer Einfalt sahen wir alles ein wenig als eine Art Geländespiele an, wobei uns natürlich bewusst war, daß man dabei totgeschossen werden konnte, doch das war eben so.
Wir wurden im Hinterland zusammengezogen und hatten noch 3 Wochen herrliche Ruhe bevor wir nach Cottbus sollten. Die Bauern waren sehr deutschfreundlich - sie wussten, was ihnen blühte, wenn der Russe kam. Wir hatten Einladungen zu Festessen und wenn wir etwas zu essen wollten, so gaben sie es uns gerne. Auch halfen sie uns beim Panzergräben bauen. Als es schliesslich zurück ging, gab mir ein Bauer eine Speckseite, die ich in eine Munitionskiste verpackte und die ein herrliches Geschenk für meinen Freund Hinnerks war, den ich auf dem Rückweg besuchte. Wir bekamen einen Marschbefehl nach Cottbus ohne ein Datum der Abreise und wir beschlossen, zwischendurch 8 Tage unerlaubten Urlaub zu machen. Ich besuchte meinen Freund Hinnerks in Danzig.
An dem Grenzübergang bekam ich unglücklicherweise einen Datumsstempel und damit konnte man ausrechnen wann ich in Cottbus hätte ankommen müssen. Ich habe diesen Datumsstempel ziemlich amateurhaft abgeändert und wurde auf dem Bahnhof von Danzig damit auch prompt erwischt. Ich konnte mich jedoch herausreden und auch bei den übrigen Kontrollen bis zur Kaserne in Cottbus kam ich mit List und Tücke vorbei. So lief schliesslich alles gut aus.
Lediglich zwei von uns wurden in Berlin erwischt und mussten drei Wochen absitzen. In Cottbus hatten wir erwartungsgemäss bis zum Beginn der Kriegsschule nichts zu tun, so daß wir erst einmal Heimaturlaub bekamen.
Am 15. November ging es schliesslich auf Kriegsschule nach Krampnitz. Dabei war Max Klüver mir behilflich. Er war inzwischen Inspekteur der Kriegsschulen für Reserveoffiziers - Nachwuchs geworden.
Von der Kriegsschulzeit ist mir vom Anfang nicht so sehr viel in Erinnerung. Es war eine ausserhalb Potsdams gelegene Kaserne am Übungsplatz Döberitz; die Verpflegung war mies und die Möglichkeit, nach Potsdam zu kommen und damit nach Berlin fast nicht vorhanden.
Wir hatten unsere Ausbildung und unseren Unterricht, wie auch die Ausbildung am Sandkasten - mehr theoretisch. Bei einer Übung, ein Angriff mit Panzern gegen eine angenommene Infanteriestellung mit scharfen Waffen, passierte uns ein Unglück. Ein Mann in unserem Panzer sollte eine Handgranate werfen. Zu der Zeit waren wir zur Tarnung mit Tannenzweigen besteckt und sahen aus wie Weihnachtsbäume. Kurzum, nachdem er die Handgranate gezündet hatte, fiel sie ihm in den Panzer und explodierte. Zum Glück fiel sie hinter einen Holzsack, der die Hauptwucht der Explosion auffing und auch die meisten Splitter. Ich selbst hatte unzählige Splitterverletzungen - insgesamt wohl 40 - doch keine einzige war gefährlich. Alles waren nur Fleischwunden. Die Handgranate explodierte hinter meinem Rücken und der Kopf war durch den Stahlhelm und die Weichteile durch die Gasmaskenbüchse geschützt. Auch waren keine Knochen verletzt. Wir waren Drei, die verwundet waren und landeten im Lazarett Hermannswerder, auf einer Insel bei Potsdam.
Dort hat man über Weihnachten und Neujahr - im wesentlichen mit aseptischen Verbänden uns wieder kuriert. Bei dieser Gelegenheit habe ich mich in eine Krankenschwester - Almuth Gerloff verliebt und mich mit ihr angefreundet. Als ich dann entlassen war, lud sie mich verschiedentlich zu sich nach Hause ein und von der Familie bekam ich schliesslich auch ein Fahrrad, mit dem ich dann etwas beweglicher war.
Anfang Januar war ich dann wieder auf der Kriegsschule und weiter gings, wenngleich nicht mehr sehr lange. Dabei erinnere ich mich auch, daß wir im Rahmen der politischen Ausbildung an einer Sitzung des Volksgerichtshofes teilnahmen. Es ging um zwei angeklagte Österreicher, die früher in der kommunistischen Partei waren und nun angeklagt waren, feindliche Sender abgehört zu haben und deren Meldungen weiter erzählt hatten. Es waren zwei sehr einfache und sicherlich auch harmlose Menschen, doch bekamen sie 2 Jahre Zuchthaus. Das ganze machte auf mich für unser Staats- und Gerichtswesen einen sehr unvorteilhaften Eindruck.
Im Februar wurden wir dann in ein sogenanntes Härtelager versetzt. Das bestand darin, daß man im Wald eine Reihe von Bunkern gebaut hatte und wir hatten darin zu wohnen und neben dem normalen Dienst an diesen Bunkern weiter zu bauen. Alles war kalt, ungemütlich eben wie im Krieg im Winter in einem Wald in Bunkern.
Schliesslich wurde auch diese Ausbildung abgebrochen und wir wurden nach Potsdam zur Vorbereitung der Verteidigung von Berlin eingesetzt. Erst kamen wir alle ins Kasino des I.R.9 von wo aus wir auf verschiedene Aufgaben verteilt wurden. Als erstes durfte ich mit 5 anderen zusammen in Frankfurt/Oder Fahrzeuge holen. Für mich ein Motorrad (Krad). Wir fuhren mit einem LKW auf einen riesigen Platz mit einer Unmasse Fahrzeugen und jeder versuchte, sich etwas Brauchbares auszusuchen. Viele waren irgendwie beschädigt oder eben nicht einsatzbereit, doch hatten wir ja einen LKW, mit dem wir für uns das Beste weg transportieren konnten.
Ich fand schliesslich eine 350er Zündapp, die auch funktionierte. Diese füllte ich mit dem Sprit aus einer anderen Maschine und entschloss mich, auf eigene Faust nach Potsdam zu fahren. Leider kam ich jedoch nicht weit. Plötzlich stand ich mit einer nicht funktionierenden Maschine inmitten der Flut des Rückzuges. Schliesslich fand ich jedoch irgendeine Werkstatt, die mir die Maschine in Ordnung brachte (die Zündkerzen waren falsch) und mitten in der Nacht ging es dann zurück nach Potsdam.
Meine Einheit war inzwischen aus dem Kasino des I.R.9 verschwunden und ich sass auf der Strasse. Schliesslich fielen mir Gerloffs ein und dort konnte ich bis zum Morgen bleiben. Ich wurde dann einem Divisionsstab zugeteilt und dort als Registratur - Feldwebel (zum l. Jan. 1945 waren wir zum Feldwebel befördert worden) eingesetzt. Das war eine stink langweilige Arbeit. Ich musste Buch über alle eingehenden und ausgehenden Schriftstücke führen und zwar gesondert, je nachdem ob sie normal oder geheim waren. Mein einziger Trost war, daß ich bei Gerloffs wohnen konnte, wo es wenigstens gemütlich war.
Dort erlebte ich auch den Fliegerangriff auf Potsdam, der die Stadt übel zurichtete, im übrigen aber militärisch völlig sinnlos war, wie ja übrigens fast alle Fliegerangriffe. Er richtete sich nur gegen die Zivilbevölkerung.
Ich erinnere mich auch an einen durch Potsdam ziehenden Trek von Angehörigen eines Konzentrationslagers, das auf der Flucht vor den Russen war. D.h. das Lager wurde zwangsweise verlegt. Die Gestalten in ihren gestreiften Kleidern sahen ziemlich heruntergekommen und auch verhungert aus, doch waren es für uns eben Sträflinge. Wir waren genauso verhungert, nur konnten wir uns eben nebenbei etwas organisieren. Es war dies das einzige Mal, daß ich mit KZ-Häftlingen in Berührung kam. Diese mussten ihre Wagen mit ihrer Habe selber ziehen, d.h. sie hatten keine Pferde. Als von einem Verpflegungswagen aus einem Sack ein paar Mohrrüben herausfielen stritten sich ein paar darum. Dies gab mir den Eindruck, daß sie sehr hungrig gewesen sein mussten.
Im übrigen habe ich - auch in der Schule - zwar von der Existenz der Lager gewusst, doch waren es eben für unsere Begriffe Arbeitslager für Kriminelle (Normale Kriminelle, Sozial nicht integrierbare, Sittlichkeitsverbrecher und politische Gefangene). über Juden informierte man uns in der Weise, daß diese in Ghettos zusammengefasst waren, in denen sie unter Selbstverwaltung für die Rüstungsindustrie zu arbeiten hätten.
Anfang März zogen wir dann das grosse Los. Die ganze Inspektion (so nannte man einen Kriegsschul - Lehrgang) wurde nach Hadersleben in Dänemark versetzt. Dort wurden wir in einer Schule in Strohlagern untergebracht und unsere normale Ausbildung ging weiter.
Zu dieser Zeit kamen wir uns wie im Paradies vor. Es gab unbegrenzt alles zu essen, sofern man Dänische Kronen hatte. Unsere Löhnung wurde in Kronen ausgezahlt und wir holten alles nach was wir in Krampnitz vermisst hatten. Dort bekamen wir das übliche miese Kasernenessen und wir hungerten entsprechend. Hier gab es alles was das Herz begehrte. Die Geschäfte waren voll wie im tiefsten Frieden und wir haben das weidlich ausgenützt. Ich erinnere mich, daß ich jeden Morgen einen Liter herrlicher Vollmilch trank und daß wir uns in den Konditoreien gütlich taten.
Unsere Ausbildung war dann formal am 2.April 1945 beendet und wir wurden rückwirkend zum l.März zum Leutnant befördert. Inzwischen war klar, daß der Krieg zu Ende ging und es war für uns nur noch die Frage, das Ende mit Anstand hinter sich zu bringen. Mit Anstand hiess für uns gemäss unserem Eid uns bis zuletzt für "Führer, Volk und Vaterland" einzusetzen. Wir wurden nach Deutschland zurückverlegt, - erst sollte es nach Weimar gehen, doch war der Amerikaner schneller dort. So wurden wir nach Potsdam zurückversetzt. Natürlich haben wir unsere letzten Kronen in Esswaren umgesetzt um denen zu helfen, denen wir bei der Rückfahrt eine Freude machen konnten. Viele von uns waren aus Berlin und ich kaufte ein, um Gerloffs etwas zu schenken. Ich kaufte 100 Eier und dabei hatte die Geschäftsfrau für die Verpackung der zerbrechlichen Ware eine gute Idee. Sie schlug vor, die Eier in eine Kiste mit Haferflocken zu verpacken. So war auch das Verpackungsmaterial noch essbar und wenn ein Ei kaputt ging, war das auch nicht schlimm.
Im allgemeinen waren die Dänen zu uns sehr freundlich. Ob dies sich auf das Deutschsein bezog oder lediglich Mitleid mit uns jungen Soldaten war, weiss ich nicht. Es gab Geschäfte, die einen Wappen Christian X im Fenster hatten und die damit zum Ausdruck brachten, daß sie nicht Anhänger der deutschfreundlichen Partei waren.
Auf unserer Rückfahrt landeten wir schliesslich wieder in Krampnitz in unserer alten Kaserne wo über unseren weiteren Einsatz entschieden werden sollte. Viele Möglichkeiten gab es nicht mehr. Es ging damals bei uns der Witz um: "Was machst Du heute"? "Ich mache eine Radtour um Deutschland.". " Und was macht Du heute nachmittag"?-
Für uns gab es zwei Möglichkeiten. Die ganze Einheit sollte auf eine Panzerjagdbrigade aufgeteilt werden, d.h.jeder Leutnant sollte 4 - 5 Hitlerjungs mit Panzerfäusten bekommen und im Raum Berlin russische Panzer abschiessen.
Ausserdem suchte man zwei Leutnants mit guten englischen Sprachkenntnissen, die im Westen hinter der Front zusammen mit Hitlerjungens abspringen sollten um von dort aus in den besetzten Gebieten einen Partisanenkrieg (Werwolf) anzufangen. Dazu meldete ich mich mit einem Freund zusammen.
Wir wurden nach Königswusterhausen in Marsch gesetzt um dort in einem Wehrertüchtigungs - Lager Hitlerjungens zu übernehmen. Als wir dort ankamen, war das Lager aufgelöst und als wir zurückkamen war auch unsere Einheit verschwunden.
Wir wurden zur OKH - Führerreserve Ost nach Güstrow /Mecklenburg versetzt. Dorthin zu gelangen war unserer Findigkeit überlassen. Ich erinnere mich noch als wir beide auf den Berliner Bahnhof Zoo standen - es war der 23 April 1945 und die Flak des Zoobunkers griff bereits in den Erdkampf ein - die Uhr stand 5 Minuten vor Zwölf. Wir fuhren mit der S-Bahn zum Stadtrand und dann per Anhalter nach Norden.
Am Abend waren wir in Wusterhausen an der Dosse und der Russe hatte 2 Stunden hinter uns den Ring um Berlin zu gemacht. Wir waren also gerade noch herausgekommen. Nach Güstrow brauchten wir 3 Tage und landeten in einem riesigen Lager von "arbeitslosen" Offizieren. Dabei traf ich auch zwei Schulkameraden aus meiner Zeit in Schramberg.
Wir sassen nun in Güstrow und wussten nicht was wir tun sollten. Jeden Tag marschierten wir zum Bau von Panzergräben, was wir als Offiziere unter "unserer Würde" fanden.
Schliesslich kam ich am 27. April am Flugplatzrand mit der Besatzung einer JU 52 ins Gespräch, die nach Berlin fliegen sollte. Sie hatten den Auftrag, aus Rechlin eine Kompanie SS nach Berlin zu fliegen.
Ich fragte sie, ob sie bereit wären, mich zu meiner Einheit nach Berlin mitzunehmen, was sie mir zusagten. Ich war damals so verrückt, daß ich meinte, ohne mich konnte der Krieg nicht beendet werden.
Wir flogen im Tiefstflug zuerst zu einem anderen Flugplatz um aufzutanken und dann nach Rechlin von wo aus der Einsatz geplant war. Weil der Flugplatz Berlin - Kladow bereits unter Infanteriebeschuss stand, sollten wir auf der Ost - West - Achse landen (zwischen Siegessäule und Brandenburger Tor) und dies bei Nacht. Eine Kondor, wurde probeweise vorausgeschickt und kam völlig zerschossen wieder. Deshalb wurde der Einsatz morgens um 4 Uhr abgeblasen. Um 6 Uhr war ich wieder in meinem Bett. Der Hauptmann, dem mein Freund mein Verschwinden meldete, meinte ganz trocken: "Das ist Fahnenflucht". Als ich mich 2 Stunden später zurückmeldete ebenso trocken "Es ist besser so". Am gleichen Tag wurden wir, weil der Russe immer näher kam, nach Eutin in Schleswig - Holstein versetzt. Wir kamen an diesem Tag noch bis Bützow, wo wir uns eine Möglichkeit zum Übernachten suchten.
Dazu fanden wir im Kloster Rühn ein weibliches Arbeitsdienstlager, das wir am anderen Tag dann auflösten. Das Lager hatte jede Menge Verpflegung, die Mädchen waren aus der Gegend und die Führerinnen aus Hamburg. Die Führerinnen waren froh, daß jemand sich an ihrer Stelle entschied und wir nahmen sie mit in Richtung Hamburg. Wir hatten uns aus dem Lager Fahrräder und die notwendige Menge an Marschverpflegung besorgt (und ein bisschen mehr) und machten uns bei strömendem Regen auf den Weg.
Eine Frau mit einem kleinen Kind in einem Fahrradanhänger nahmen wir auch noch mit, wobei uns beiden natürlich zukam, den Anhänger zu ziehen. Wir kamen in der Nacht noch bis Warnow (bei Wismar) zu einer Bekannten der Flüchtlingsfrau, wo diese dann auch blieb. Wir beide mit den RAD-Führerinnen fuhren am anderen Tag weiter in Richtung Hamburg. Über Lübeck erreichten wir dann schliesslich am l.Mai Hamburg.
Das Kriegsende und die Zeit bis zum Studium
Wir beide - Horst Bender und ich - hatten unterwegs unser Gepäck deponiert, weil wir lediglich die Führerinnen nach Hamburg bringen und dann weiter nach Eutin fahren wollten. Nun, Hamburg wurde zur offenen Stadt erklärt und als wir wieder heraus wollten, war der Engländer schon daran vorbei gestoßen. Wir versuchten nach dem Süden zur Armee Wenck durchzukommen, doch landeten wir schliesslich wieder in Hamburg. Der Krieg war für uns aus.
Wir sollten uns bei einer Sammelstelle für versprengte Soldaten melden, doch unterwegs dorthin trafen wir ein paar Landser, die Blanko - Formulare für Entlassungsscheine (natürlich aus der Deutschen Wehrmacht) hatten und uns beiden welche überliessen. Wir gingen zum nächsten Büro, einer NSV (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt) Dienststelle, die eine Schreibmaschine hatte und dort entliessen wir uns selber.
Nun demontierten wir unsere Uniform, d.h. wir entfernten unsere Hoheits- und Rangabzeichen. Danach wollten wir unser zurückgelassenes Gepäck holen und uns dann nach dem Süden auf den Weg machen.
Kurz ausserhalb Hamburgs bekam mein Freund eine Reifenpanne und wir beschlossen, dass ich das Gepäck hole und wir uns wieder treffen sollten. Seitdem habe ich nie wieder etwas von ihm gehört. Er muss ums Leben gekommen sein.
Ich fuhr dann alleine weiter und wurde wenig später von englischen Soldaten angehalten und ausgeplündert. Mein Hinweis auf die Haager Landkriegsordnung wurde mit einem Durchladen der Pistole und einer Einladung hinter die nächste Hecke beantwortet. So überliess ich ihnen Uhr und Füller - meine einzigen Wertsachen. Ich kam auch zu unserem Gepäck, doch war das Essbare schon verschwunden. Der Bauer, bei dem wir es gelassen hatten, war jedoch sehr nett und gab mir Ersatz.
Auf dem Rückweg wurde ich dann bei Oldesloe, nachdem die Sperrstunde schon angebrochen war, beschossen und wenig später bei Hammoor gefangen genommen. Das Gefangenenlager war eine Wiese und es regnete in Strömen. Ich traf um 7 Uhr dort zusammen mit drei anderen Offizieren ein. Der eine hatte Malaria, der andere ein Gipskorsett. Um 9 Uhr hatten wir den Malariakranken versorgt und zu zweit hoben wir den mit dem Gipskorsett über den Zaun und verschwanden. Es war Dunkel und schlechter als wir es ohnehin hatten, konnte es auch nicht werden, wenn wir wieder erwischt wurden. Um 2 Uhr fanden wir schliesslich am Stadtrand von Hamburg einen Bauernhof und übernachteten dort.
Am anderen Morgen wurde ich nochmals für l0 Minuten gefangen genommen und zwar von einer englischen Streife, die die Häuser durchkämmte. Nun wussten wir, dass wir vor einer Gefangennahme nicht mehr sicher waren und schlugen uns querfeldein durch bis wir nach Gross - Hansdorf kamen.
Dort versteckten uns Leute auf dem Dachboden und besorgten uns in der Nachbarschaft Zivil. Wir konnten uns dann Zivil anziehen und waren damit nicht mehr Soldaten und damit vor der Gefangennahme sicher. Wir lösten uns Fahrkarten nach Hamburg und trennten uns.
Ich ging, um mich polizeilich an zu melden und auf das Arbeitsamt, um mich arbeitslos zu melden. Alles das war notwendig um Lebensmittelkarten zu bekommen und natürlich auch mein, mir anerzogener Hang zu deutscher Ordnung beeinflusste mich. Er hat mir sehr viel Ärger erspart, denn schon am nächsten Tag war das alles gar nicht mehr möglich und es gab nur noch den Weg ins Gefangenenlager, wenn man nicht verhungern wollte.
Ich blieb zunächst noch bei der Familie der beiden Hamburger Arbeitsdienst - Führerinnen, die ich von Kloster Rühn hierher gebracht hatte, doch war das auf die Dauer keine Bleibe für mich, ich war ja in einer fremden Familie ein zusätzlicher Esser. Die Elb - Brücken waren hermetisch abgeriegelt und um nachts über die Elbe zu schwimmen, dazu fühlte ich mich nicht stark genug. So wanderte ich elbaufwärts, in der Hoffnung etwas ausserhalb zu finden, wo man auf die andere Seite kommen konnte, oder aber nach Potsdam zu Gerloffs, wo ich auch noch eine bescheidene Habe hatte, zu kommen. Bis Bergedorf kam ich noch mit der Bahn, doch dann ging es zu Fuss weiter.
Die Erfahrungen waren so und so. Ein Bauer, auf dessen Fuhrwerk ich aufsteigen wollte, hat mit der Peitsche nach mir geschlagen. Mein Rucksack wurde mir unterwegs abgenommen. Teilweise musste ich querfeldein englisch - kanadische Posten umgehen. Es gab aber auch positive Erlebnisse. Die erste Nacht verbrachte ich auf einem Bauernhof, der restlos mit Flüchtlingen belegt war. Man gab mir einen Platz im Heu und am anderen Morgen bekam ich ein Frühstück und konnte mir sogar noch Brote für meine Weiterreise machen.
Als ich am zweiten Tag mit ziemlich wund gelaufenen Füssen nach insgesamt 75 km Fussmarsch gerade Rast machen wollte, kam aus einer Seitenstrasse ein Bauerntrek, der nach Frankfurt an der Oder unterwegs war. Er nahm mich auf und zwar unter der Bedingung, dass ich für Verpflegung und Unterkunft für mich selber sorge.
In der ersten Nacht schlief ich in einer Scheune in der Futterkiste. Im Ort bekam ich als Verpflegung lediglich ein halbes Pfund Butter - und habe es dann eben ohne Brot gegessen - mit einer Nagelfeile mangels irgendwelchen Bestecks.
Am kommenden Tag sollte der Trek in die russisch besetzte Zone gehen. Zwischen den beiden Zonen war ein 2 km breiter Streifen Niemandsland und uns allen war etwas mulmig zu Mute.
Bei den Russen wurde der ganze Trek auf eine Flußinsel geführt und der Zugang zugemacht. Es gelang mir jedoch an einer geschützten Stelle einen Steg zu finden und ich verschwand und verbarg mich in einem der Wohnhäuser in der Nähe. Als der Trek dann wieder auftauchte, waren alle Männer zwischen 16 und 60 verschwunden, soweit sie sich nicht als zum Trek gehörig ausweisen konnten. Die Russen hatten sie kassiert.
Diese Kontrollen fanden dann in jedem grösseren Ort statt. Ich hatte mir jedoch eine Taktik zugelegt, mich am Ortseingang unauffällig unter die Zuschauer zu mischen und so die Kontrolle zu umgehen. Am Ende des Ortes bin ich dann wieder aufgestiegen. Das ging überall gut, bis auf Kyritz, wo wir vor dem Ort auf ein freies Feld geleitet wurden. Glücklicherweise war jedoch ein Mann in Sträflingskleidung dabei, - der sich als KZ-Angehöriger ausgab. Er hatte eine Schubkarre mit seiner Habe und ich erbot mich, ihm diese zu schieben. So bin ich auch dieser Durchsuchung entkommen Die kritischste Situation ergab sich jedoch, als wir einen Trupp bewachter deutscher Gefangener überholten und plötzlich einer davon wohl fehlte, denn der Bewacher durchsuchte unseren Trek und wollte mich als Ersatz mitnehmen. Glücklicherweise schaltete sich der Führer unseres Treks ein, der polnisch sprach und ich wurde laufen gelassen. So kam ich mit viel Glück bis zum Übungsplatz Döberitz, wo sich unsere Wege trennten. Ich ging über den alten Übungsplatz nach Süden und hatte wiederum Glück. Ein russischer LKW, der sich verirrt hatte nahm mich mit und ich zeigte ihm den richtigen Weg, der "zufällig" am Haus von Gerloffs vorbei führte.
Dort hatte ich nun eine vorläufige Bleibe bei Menschen, die ich kannte. Ich wurde mit neuer Kleidung versehen und niemand, der mich in Lederhose und buntem Hemd sah, kam auf die Idee, dass ich Soldat gewesen sein könnte. Da es Lebensmittel nur für den gab, der eine Arbeit nachweisen konnte, suchte und fand ich tatsächlich eine solche in einem hochfrequenz - technischen Laboratorium, bei dem ich mich als zukünftiger Student der Elektrotechnik ausgab. Bei dem Besitzer, Herrn Derda, durfte ich für 50.- RM im Monat Radios reparieren und als er merkte, dass ich weder dumm noch ungeschickt war gab er mir Pläne zum Bau eines Universal Röhrenprüfgerätes. Damit war ich praktisch bis zum Ende meiner Tätigkeit bei ihm beschäftigt
Während dieser Tätigkeit erlebte ich auch die Potsdamer Konferenz. Als Vorbereitung wurden an allen wichtigen Strasse schon Tage zuvor alle Keller versiegelt und an den Tagen an denen irgendwelche bedeutenden Persönlichkeiten durch die Strassen fuhren, mussten alle Fensterläden verschlossen bleiben. Etwas von unserem Labor entfernt war eine Kreuzung, auf der eine russische Polizistin den Verkehr regelte. Hinter jedem, der ihre Verkehrszeichen - so auch ich mit meinem Fahrrad - nicht beachtete schoss sie mit einer Pistole hinterher, ohne dass sie jemanden getroffen hätte. In den sehr heissen Augusttagen trank ich einmal Leitungswasser und holte mir prompt Typhus. Offenbar war ich jedoch durch die Spritzen, die wir vor unserem Fronteinsatz bekamen, noch so weit immun, dass ich es überstand. Immerhin hatte ich jedoch danach noch bis in das Jahr 1947 damit zu schaffen. Ich hatte fortwährend Durchfall und erst als ich Student in Stuttgart war, befreite mich ein Arzt davon.
In der Potsdamer Zeit erfuhr ich auch von dem Atom - Bomben Abwurf auf Hiroshima und von der Kapitulation Japans.
Im Haus Gerloff war ich unter 13 Personen das einzige männliche Wesen und mir oblagen all die Arbeiten, die technisches Geschick und Kraft erforderten. So wurde ein Herd gebaut und der Rasen wurde umgegraben um Kartoffeln anzubauen. Ich hätte es dort gut ausgehalten bis die Verhältnisse es wieder gestattet hätten, in die Heimat zu gehen, zumal ich mich nützlich machte und auch sonst gern gelitten war. Eines Tages wurden jedoch Gerloffs als Nazi - Familie aus ihrem Haus ausgewiesen. Herr Gerloff, der wohl irgendwo in Gefangenschaft war, war Generalmajor der Polizei und sein Besitz wurde beschlagnahmt und wir alle sassen auf der Strasse. Die von mir gepflanzten Kartoffeln waren gerade reif zur Ernte. Man wies uns zwar eine andere Wohnung zu, doch war es für Frau Gerloff ein Zeichen, dass sie sich in den Westen absetzen sollte.
Dies war ein schwieriges Unterfangen, denn natürlich war die Zonengrenze abgeriegelt. Wir sind zunächst einmal - Frau Gerloff mit ihren zwei Töchtern und mir - nach Magdeburg gefahren. Magdeburg war ja inzwischen von den Russen besetzt und die Elbe - Brücke kein Hindernis mehr. Zu dieser Zeit fuhren auch schon Züge. Zwar nur Güterzüge und ohne bekannten Fahrplan, doch konnten wir uns mit unserer Habe auf den Weg machen. In Magdeburg, der Heimat von Frau Gerloff, fand die Familie zunächst Unterschlupf bei einem Bauern, der mit Gerloffs verwandt war.
Nun galt es jedoch, über die grüne Grenze zu kommen. Die einzige Möglichkeit, die ich sah, war über die nahe Autobahn, auf der die Westalliierten einen freien Zugang nach Berlin hatten. Zwar gab es unzählige russische Posten, doch fanden wir eine Stelle, wo man ungesehen Autos anhalten konnte. Wir hatten ausgemacht, dass ich zunächst mit der Tochter Almuth in den Westen zu Verwandten gehen sollte, während die andere Tochter Roswitha mit der Mutter zurückblieb, bis wir eine Bleibe gefunden hatten. Es gelang uns schliesslich an der Autobahn einen englischen Lastwagen anzuhalten, indem Almuth winkte und ich mich zuerst verborgen hielt. Als dann einer hielt, erzählte ich ihm dann unsere Sorgen und er versprach, uns am nächsten Morgen von einem nahegelegenen Lager aus über die Zonengrenze mitzunehmen.
So fuhren wir am anderen Morgen um 4 Uhr bei strömendem Regen über die Autobahn zu dritt mit zwei Fahrrädern zu dem Lager. Ich hatte ein Mädchen auf dem Fahrrad und sie fuhr dann mit zwei Fahrrädern zurück. Der Engländer baute uns in seinem geschlossenen Lastwagen ein Versteck hinter Kisten, in dem er uns durch die Kontrolle nach Braunschweig brachte. Von Braunschweig fuhren wir mit dem Personenzug nach Kreiensen, wo wir den Schnellzug Bremerhaven - Frankfurt erwarteten. Derselbe war hoffnungslos überfüllt, aber mit List konnten wir uns durch ein Fenster in ein Abteil zwängen. An der Grenze der britischen und amerikanischen Zone in Eichenberg kamen wir wiederum mit viel Glück durch die Kontrolle und waren am anderen Morgen in Frankfurt. Vom Hauptbahnhof mussten wir zu Fuss über eine provisorische Mainbrücke zu dem Südbahnhof und kamen von dort aus noch mit einem Güterzug bis Karlsruhe, wo wir erstmals im Westen übernachteten. Am nächsten Tag fuhren wir über Rastatt, wo die französische Zonengrenze war und Offenburg die Schwarzwaldbahn hinauf nach Villingen. Unterwegs erfuhren wir, dass man in der französischen Zone seinen Kreis nur mit Passierscheinen verlassen durfte und auf den Bahnhöfen alle Sperren überwacht waren. So war mir klar, das ich mich auf keinen Fall erwischen lassen durfte, denn ich hatte ja keinen Entlassungschein und der Franzose kassierte alle wehrfähigen, bezw. wehrverdächtigen Männer zur Arbeit in Frankreich in die Bergwerke. So standen wir plötzlich in Villingen auf dem Bahnhof und wussten nicht weiter. Aus dem Bahnhof konnten wir nicht, denn an der Sperre stand ja ein französischer Soldat und auf dem Bahnsteig waren wir alleine und wären kontrolliert worden. Wir fanden schliesslich einen leeren Güterwagen in dem wir Schutz hatten, bis schliesslich nach ein paar Stunden ein Zug nach Rottweil kam. Rottweil war meine Kreisstadt und ich kannte mich dort aus und fühlte mich auch sicher, da ich ja dort notfalls keinen Passierschein mehr brauchte. Wir konnten dort beim Roten Kreuz übernachten und am anderen Morgen nach Oberndorf weiterfahren - meinem Zuhause.
Als ich dann den gewohnten Weg über die Neckarbrücke nach Hause ging, las ich aus Neugier die Bekanntmachungen der Gemeinde und fand einen Anschlag, dass meine Schwester Hanne wegen Beleidigung der französischen Armee drei Tage Gefängnis abzusitzen hatte. Wie ich später erfuhr hatte sie einen zudringlichen Soldaten eine herunter gehauen.
Meine Mutter war überrascht und bekam einen tüchtigen Schreck, denn jeder kannte mich und eine Denunziation war nicht auszuschliessen. So musste ich mich im eigenen Haus verstecken und das ging natürlich auf die Dauer nicht. Auch war von allen Zonen die französische die denkbar schlechteste - was die Verpflegung betraf und nach 14 Tagen zogen wir schliesslich weiter. Auch war meine Mutter nicht glücklich, dass ich ein Mädchen mitbrachte.
Unsere nächste Station war Esslingen - wiederum Verwandte von Gerloffs wo wir jedoch auch keine Bleibe hatten und wir fuhren nach Bünde in Westfalen wo es so aussah, dass Almuth bleiben konnte und auch eine Möglichkeit bestand, die Familie nachzuholen.
So war zunächst meine erste Aufgabe erfüllt und ich konnte mich um mein eigenes Schicksal kümmern. Da ich in Westfalen war fuhr ich zunächst nach Soest, wo ich die Eltern von Hans Hinnerks zu Hause wusste. Dort erfuhr ich, dass Hans vermisst war und dass seine Frau gesund aus Danzig herausgekommen war - zusammen mit ihrem Sohn - jedoch wenige Tage nach ihrer Ankunft bei einem Autounfall ums Leben kam. Weiter ging mein Weg nach Göttingen, wo ich hoffte, an der Universität anzukommen. Die Fahrt dorthin war, wie alle Eisenbahnfahrten recht abenteuerlich. In Altenbeken mussten wir zu Fuss eine gesprengte Eisenbahnbrücke umgehen, doch kam ich über Kassel schliesslich an mein Ziel. In Göttingen wurde ich jedoch nicht angenommen. Zu dieser Zeit kam eine Verfügung heraus, dass alle Abiturienten, die nach 1941 das Abitur gemacht hatten an einem sogenannten Übergangskurs von einem halben Jahr teilnehmen mussten und in drei Hauptfächern nochmals geprüft wurden.
Als ich mich mit der Liste in der Hand, wo solche Möglichkeiten bestanden, ziemlich entmutigt auf den Bahnhof schlich, um wieder nach Bünde zu fahren, kam ich im Zug mit einem jungen Mann ins Gespräch, der mir erzählte, dass in Hannoversch Münden nicht nur ein solcher Kurs in 14 Tagen anfing, sondern dass dort auch ein Heim war, in dem man wohnen konnte und ein Unterkommen hatte. Ich war noch nie so schnell aus einem abfahrbereiten Zug heraus und fuhr sofort in die entgegengesetzte Richtung nach Hann. Münden.
Dort hatte ich keine Schwierigkeiten sowohl an der Schule angenommen zu werden, als auch einen Platz in dem Alumnat zu finden, wo ich wohnen konnte und eine vorübergehende Aufenthaltsgenehmigung bekam und für mich war damit ein neuer Anfang für meine weitere Zukunft gemacht. Ich fuhr nach Bünde zurück, verabschiedete mich von den Gasteltern und der Freundin und war über den neuen Anfang glücklich. Mit meiner wenigen Habe fuhr ich nach Hann. Münden und setzte mich wieder auf die Schulbank.
Das Schülerheim in Hann Münden am Kattenbühl war das Zuhause für eine ganze Reihe von Schülern von 12 Jahren bis zu unseren Jahrgängen. An der Schule wurden drei Klassen für Kriegsteilnehmer eingerichtet und ich wählte die Klasse, in der Deutsch, Mathematik und Englisch als Prüfungsfächer gelehrt wurden. Wir waren eine gemischte Klasse. Die Mädchen waren aus dem Ort oder der Umgebung, während die Männer von überall kamen und auch allen Altersklassen angehörten. Der älteste war meiner Erinnerung nach ein entlassener Major der 32 Jahre alt war. Unser Lerneifer, aber auch der Klassengeist war sehr gut und die Kameradschaft zwischen Lehrern und Schülern ebenfalls. Die Lehrer waren natürlich auch Kriegsteilnehmer und nur für diesen Kursus angestellt.
Glücklicherweise hatte ich noch genug bares Geld, um meinen Unterhalt bestreiten zu können - ich hatte noch je 500.- RM von Vater und vom Staat, die mir als Einkleidungsbeihilfe für meine Offiziersuniform dienen sollten. Auch hatte ich ja in Potsdam etwas verdient. So war eigentlich alles gesichert. Ich versuchte dann Verbindung mit Mutter wieder aufzunehmen, damit die Familie wusste wo ich war. Die Post wurde nur innerhalb einer Zone befördert, doch konnte ich Schulkameraden, die in Kassel wohnten Briefe mitgeben, die in der amerikanischen Zone weiterbefördert wurden. Die südlichste Adresse für mich war Tante Erne in Heilbronn, von wo aus schliesslich meine Mutter Nachricht über mich bekam.
Während meiner Zeit in Hann.Münden machte ich auch eine Reise in die Sowjet - Zone, einerseits um mir Geld zu verdienen, andererseits um Sachen von dort in den Westen zu schaffen. Ein anderer Schüler sollte nach Gera fahren und die Eltern erlaubten es unter der Bedingung, dass ich mit ihm komme. Über einen anderen Schulkameraden, der aus russischer Gefangenschaft entlassen war und der mir seinen Entlassungschein borgte, beschaffte ich mir einen falschen Personalausweis und fühlte mich damit sicher denn nun war ich ein entlassener russischer Kriegsgefangener mit meinem Lichtbild und seinem Namen in meinem Personalausweis. Wir fuhren nach Friedland, mussten dann zu Fuss nach Heiligenstadt und von dort aus ging es weiter nach Gera, wo er seine Sachen holte und dann wieder zurückfuhr. Ich reiste noch weiter zu Gerloffs, denen ich vom Ergehen ihrer Tochter berichten konnte und auch nach Halberstadt, wo Vater noch einige Sachen ausgelagert hatte. Viel konnte ich nicht mitnehmen, denn ich hatte wieder den Fussmarsch von Heiligenstadt nach Friedland vor mir, doch einiges - insbesondere von Gerloffs für ihre Tochter konnte ich mitnehmen. In Halberstadt wurde ich von der Hausmutter, bei der Vater gewohnt hatte, sofort, an meinem für Vater charakteristischen Gang, als sein Sohn erkannt.
Inzwischen hatte auch Almuth in Bielefeld bei Verwandten eine dauerhafte Bleibe gefunden und diese Verwandten konnten auch die Zuzugsgenehmigung für ihre Mutter und Schwester in die Wege leiten. In dieser Familie, ein Architekt namens Kramer, war ich während der Zeit in Hannoversch Münden oft zu Gast und hatte eine Art Ersatz für Zuhause. Irgendwann machte ich dann noch eine zweite Reise in die Ostzone und holte das gesamte Familiensilber von Gerloffs in den Westen.
Von Hann. Münden aus nahm ich auch Verbindung mit Friedrich Scherer auf, der bei Körtkes, einem Bauern in der Lüneburger Heide, in Röhrsen bei Bodenteich gelandet war und dort eine Lehre als Landwirt machte. In dem Schülerheim in Hann. Münden machten wir regelmässig Tanzabende mit Mädchen aus unserem Kursus. Wir hatten ein altes Grammophon und ein paar Platten, die wir nach einiger Zeit auswendig konnten. Das Alumnat stiftete uns unser Abendessen, die Mädchen brachten Brote mit und nach gemeinsamem Abendessen tanzten wir und machten uns einen schönen Abend. Dabei lernte ich dann meine ersten Tanzschritte. Meine damalige Partnerin - Freundin war Hannelore Natermann, der ich Nachhilfe in Mathematik gab und mit der ich noch lange Jahre in Verbindung blieb. Das Schicksal ihrer Familie ist mir besonders tragisch in Erinnerung. Ihre Eltern besassen eine grosse Fabrik in Hannoversch Münden - Haendler und Natermann. Der Vater und alle drei Brüder waren im Krieg gefallen, der einzige Onkel und Mitbesitzer war im Internierungslager an Tuberkulose gestorben. Natermanns wurde von den Engländern aus ihrem Haus geworfen. Das Haus der Tante war ebenfalls beschlagnahmt und Mutter und Tochter lebten in einem Gartenhäuschen neben ihrer Villa. Trotz allem trug die Mutter ihr Schicksal mit Würde und war später die Chefin der wieder prosperierenden Firma, die zwischendurch auch auf der Demontageliste stand, jedoch dann - es waren keine männlichen Erben mehr da - an Mannesmann verkauft wurde. Über Frau Natermann bekam ich dann ein Empfehlungsschreiben an ihren Schwager, der Professor für Verkehrswesen in Stuttgart war. Dies war mit ein Grund weshalb ich als Student schliesslich in Stuttgart landete.
In dem Schülerheim waren wir in unserem Schlafraum vier Kriegsteilnehmer, die sich sehr gut verstanden, mit denen ich jedoch jede Verbindung verloren hatte bis zum Jahr 1989. Wir vier korrespondierten mit so gut wie allen Universitäten Deutschlands wegen eines Studienplatzes und bekamen fast überall Absagen. Schliesslich hatte ich jedoch, wie erwähnt, in Stuttgart Erfolg. Einem Erlebnis in diesem Schülerheim verdanke ich schliesslich, dass ich wieder mit meinen Schulkameraden in Verbindung kam.
Es kam bei uns immer wieder vor, dass Gegenstände verschwanden und man hatte einen etwas introvertierten stillen Schüler in Verdacht, der auch als Ostflüchtling ziemlich abgerissen war. Er wurde von der Kriminalpolizei verhört - ohne Erfolg. Schliesslich verschwand mir mein Füllfederhalter und da der Zeitraum des Verschwindens relativ eng umgrenzt war, machte es uns keine Mühe durch eine gründliche Suchaktion den Dieb zu finden. Der nun zu unrecht verdächtigte - Hubert Bach - machte sich nun die Mühe, mich wieder ausfindig zu machen, damit auch ich bei den alle fünf Jahre stattfindenden Klassentreffen wieder dabei sein sollte. Auf sehr komplizierten Wegen hatte er schliesslich Erfolg.
Inzwischen wurde es Frühjahr und unser Kursus neigte sich dem Ende zu und wir bereiteten uns auf die Abiturprüfung vor. Dieselbe bestand aus einer schriftlichen Prüfung und anschliessend einer jeweils 1/2 stündigen mündlichen Einzelprüfung. Nun war ich formal immer noch ein nicht aus der Wehrmacht entlassener Soldat und sogenannte Entlassungskommissionen zogen von Stadt zu Stadt und diese Kommission war nun ausgerechnet am Tag meiner mündlichen Prüfung in Hann. Münden. So wurde ich von unseren verständnisvollen Lehrern in Deutsch als erster geprüft. Dann ging ich, um aus der Wehrmacht entlassen zu werden und in Mathematik kam ich als letzter dran. Dadurch war ich auch in der Lage, wieder in meiner Heimat aufzutauchen, ohne befürchten zu müssen, dass mich der Franzose holt.
Inzwischen war es nun kurz vor Ostern und unsere Schule war zu Ende und mein Studium sollte erst im Juni in Stuttgart beginnen. Wie ich schon erwähnte, hatte ich Verbindung mit Friedrich Scherer und ich besuchte ihn auf dem Bauernhof von Körtkes in der Heide. Er schlug mir vor, die Zeit zu überbrücken, indem ich beim Bauern arbeitete und Herr Körtke war so nett, mich aufzunehmen. Geld war dabei nicht so sehr von Bedeutung; wichtig war, dass man gut zu essen bekam. Nachdem ich diese Zusage hatte, hatte ich natürlich den Wunsch erst einmal nach Hause zu fahren. Frau Körtke gab mir Marschverpflegung mit. Dies war so viel, dass ich unterwegs mein Abteil mit verpflegen konnte. In Hann. Münden, wo ich einen Tag Rast machte, assen Natermanns davon und als ich schliesslich in Oberndorf ankam hatte ich immer noch einen Laib Brot und eine Dose Wurst, die meiner Mutter natürlich auch hoch willkommen waren.