VON F.A. HEINEN
Hier finden Sie in leicht verkürzter Form den Manuskript-Text der Radiosendung "Vogelsangs Erbe - Von der NS-Ordensburg zum Nationalpark Eifel" von Frank Möller. Sendung DeutschlandRadio Köln vom 24.1.2003, 19.15-20.00 Uhr. Nach übereinstimmender Ansicht der Redakteure dieser Seite handelt es sich um die mit großem Abstand informativste Radiosendung zum Thema Vogelsang der letzten Jahre. Zudem gibt der Text den aktuellen Diskussionsstand umfassend und ausgewogen wieder.
(...) Auslassungen von Textstellen (durch die Redakteure)
(...)
Sprecher:
Ein vergleichsweise ruhiger Tag im Camp Vogelsang, einem belgischen Truppenübungsplatz in der Eifel, gut 30 Kilometer südöstlich von Aachen. Dass es auf dem knapp viereinhalbtausend Hektar umfassenden Areal, aus dessen Tälern das Echo der Schießübungen heraufhallt, an manchen Tagen noch weitaus heftiger zugeht, ahnt man schon, wenn sich Oberstleutnant Thomas Enke zur militärischen Nutzung Vogelsangs äußert.
(...)
O-Ton Thomas Enke:
Hier üben hauptsächlich Infanteristen. Das beschränkt uns in der Größe der Waffen auf ein Kaliber von 25 mm Rohrdurchmesser. Und hier wird praktisch mit Schützenpanzern geübt, hier wird mit Handwaffen geübt, dazu kommt das Schießen mit Panzerabwehrhandwaffen, das Werfen von Handgranaten und eine Sprengausbildung. Die Soldaten kommen in der Regel für ein bis zwei Wochen. Hauptsächlich belgische und niederländische Streitkräfte. Hinzu kommen noch britische Streitkräfte. Zur Zeit haben wir auch noch ein paar Luxemburger dabei, und ab und zu auch noch mal deutsche Gruppierungen.
Sprecher:
Für Enke, der in Vogelsang seit ca. 2 ½ Jahren den Posten des "Deutschen Militärischen Vertreters" bekleidet, ein Bindeglied zwischen der Bundeswehr und den belgischen Kommandanten, ist der Dienst hier bald allerdings ebenso zu Ende wie für seinen belgischen Kollegen Captaine-Commandant Christian Vinage. Und das, weil die Belgier, die seit 1950 in Vogelsang stationiert sind, in absehbarer Zeit diesen Standort aufgeben werden.
O-Ton Christian Vinage:
Die Nachricht der Auflösung Vogelsangs ist Anfang 2001 bekannt geworden bei uns. Und der Plan bis zur Auflösung sieht wie folgt aus: Wir arbeiten normal, im Normalbetrieb bis Ende 2004. Und das Jahr 2005 wird genutzt, um hier alles abzubauen und wegzuräumen, so dass wir am 31. Dezember 2005 die Anlage an die deutschen Autoritäten übergeben können.
Sprecher:
Da das Verteidigungsministerium den weiteren Betrieb des Übungsplatzes durch die Bundeswehr ausgeschlossen hat, besteht 60 Jahre nach Kriegsende erstmals die Möglichkeit, Vogelsang einer zivilen Nutzung zuzuführen. Eine einmalige Chance für die wirtschaftlich strukturschwache Region, Naturschutz und die gezielte Förderung eines sanften Tourismus zu beiderseitigem Nutzen miteinander zu verknüpfen. Nach den Vorstellungen der umliegenden Gemeinden, des Landes Nordrhein-Westfalen, von Naturschutzverbänden und einem mitgliederstarken Förderverein soll unmittelbar nach Abzug der Belgier mit der Einrichtung eines insgesamt ca. 9.000 Hektar umfassenden Eifel-Nationalparks begonnen werden. Ein wesentlicher Schritt dahin ist bereits gemacht: Am 8. November letzten Jahres wurde ein entsprechender Antrag von SPD und Grünen im Düsseldorfer Landtag mit den Stimmen aller Parteien verabschiedet. Der neue Nationalpark könnte das heutige Truppenübungsgelände als zentrales Segment umfassen, außerdem im Südwesten angrenzende Teile des Staatsforstes Dedenborn und im Norden den Hetzinger Wald und den Kermeter - vorwiegend Laubwaldgebiete mit naturnahen Bachläufen und teilweise engen Taleinschnitten. Auf diesem Gebiet sind Wildkatzen noch ebenso zu Hause wie Biber, Uhus, Schwarzspechte und Rotmilane. Umweltexperten haben im Gelände bereits über 80 Pflanzen- und 30 Tierarten ausgemacht, die allesamt auf der "Roten Liste" als gefährdet ausgewiesen sind.
Sprecher:
Auch die im Bundesnaturschutzgesetz verankerten rechtlichen Voraussetzungen für die Errichtung des ersten Nationalparks im Industrieland Nordrhein-Westfalen könnten eingehalten werden. Dazu zählen z.B. die Großräumigkeit und spezifische Eigenart des Gebietes sowie ein entsprechender Artenreichtum. Gewährleistet werden muss darüber hinaus die Rückentwicklung der Natur zu einem vom Menschen weitgehend unbeeinflussten Zustand, was z.B. den Austausch forstwirtschaftlich genutzter Fichtenbestände durch Naturwälder, in erster Linie Buchenbestände, notwendig macht. Die gleichfalls vorgeschriebene "schutzzweckverträgliche" touristische Nutzung des Areals kann durch eine sinnvolle Verschränkung von Naturerleben und naturkundlicher Bildung gewährleistet werden.
Sprecher:
Dass es bis dahin allerdings - trotz aller Aufbrucheuphorie vor Ort - noch ein äußerst schwieriger Weg sein wird, ist bei den zuständigen Bundes- und Landesbehörden längst klar. Kopfzerbrechen bereitet derzeit allen Beteiligten vor allem das militärische Kerngelände des künftigen Nationalparks, Camp Vogelsang. Für Michael Deitmer, der als Leitender Beamter im Düsseldorfer Wirtschaftsministerium die Konversion von Militäranlagen in NRW betreut, lässt sich das Gelände auf den Eifelhöhen denn auch mit keinem anderen Projekt vergleichen, das seit dem Mauerfall durch seine Dienststelle einer zivilen Nutzung zugeführt wurde. Und das durchaus nicht allein aufgrund der immensen Dimension.
O-Ton Michael Deitmer:
Vogelsang ist eines der größten Projekte, das zur zivilen Anschlussnutzung in den nächsten Jahren ansteht. Von der Fläche her ist es überhaupt das größte, was je in NRW zur Konversion angestanden hat, nämlich über 4.500 Hektar insgesamt und eine riesige Ordensburganlage mit vielen, vielen Nebengebäuden. Was soll, nachdem die Belgier weg sind, mit dieser - immerhin fast 100 ha großen - Burganlage geschehen?
Sprecher:
Die Burg, die Deitmer anspricht, ist nicht nur wegen ihres baulichen Umfangs ein problematisches Ensemble, sondern auch aufgrund des historischen Kontextes, in dem sie entstanden ist. Handelt es sich doch bei dem heute noch in weiten Teilen genutzten Komplex um eine nationalsozialistische Ordensburg, die überdies unter Denkmalschutz steht. Aus diesem Grunde müssen alle Überlegungen zu ihrer künftigen Nutzung dieser Entstehungsgeschichte und ihrer Rolle innerhalb des nationalsozialistischen Erziehungssystems angemessen Rechnung tragen. Besteht doch sonst die Gefahr, dass die monumentale Anlage, die von Robert Ley, dem Reichorganisationsleiter der NSDAP und Führers der Deutschen Arbeitsfront geplant wurde, zu einem neuen Wallfahrtsort für die rechte Szene wird.
Sprecher:
Ley hatte ursprünglich vorgehabt, Burg Vogelsang neben zwei vergleichbaren Anlagen im bayrischen Sonthofen und am pommerschen Crössinsee als Ausbildungs- und Erholungsstätten für die Deutsche Arbeitsfront selbst bauen zu lassen. Erst Engpässe bei der Rekrutierung politisch zuverlässiger Organisatoren und Parteikader sorgten dafür, dass er seine Pläne änderte und die "Reichsschulungslager", wie sie zunächst genannt wurden, als Kaderschmieden für den benötigten Führernachwuchs konzipierte.
Sprecher:
Die Finanzierung der Bauten, die gleichzeitig jeweils tausend Lehrgangsteilnehmern und einigen hundert Bediensteten Platz bieten sollten, sicherte Ley aus Mitteln der Deutschen Arbeitsfront. Allein für Vogelsang brachte die DAF rund 35 Millionen Reichsmark auf. In seiner Propagandaschrift "Wir alle helfen dem Führer" rechtfertigt Ley die hohen Aufwendungen.
Zitatsprecher (Ley):
Ich wollte keine alten Burgen und Schlösser umbauen. Denn ich bin der Überzeugung, dass man diese neue, gewaltige Weltanschauung Adolf Hitlers nicht in alten, modrigen und verstaubten Gebäuden predigen und lehren kann. Genau so neu, wie diese weltumstürzenden Gedanken sind, muss auch die Umgebung sein, in der diese Ideen den Menschen verkündet werden. (...) Mit einem Wort: diese Burgen mussten denjenigen, die in ihnen zu nationalsozialistischen Führern erzogen werden sollen, jeden Tag von neuem ein Sinnbild der Größe und der Würde der nationalsozialistischen Weltanschauung sein.
Sprecher:
Bei der Verwirklichung seiner Bauvorhaben stand Ley der Kölner Architekt Clemens Klotz zur Seite, der nicht nur für die beiden Ordensburgen Vogelsang und Crössinsee verantwortlich zeichnet, sondern auch für das monumentale KdF-Seebad Prora auf Rügen. Klotz arbeitete eng mit dem gleichfalls aus Köln stammenden Bildhauer Willy Meller zusammen, der eine Reihe von Statuen und Reliefs für Vogelsang schuf. Dritter im Bunde und Baumeister vor Ort war der Architekt Karl-Friedrich Liebermann, der u.a. auch für den Bau eines über 400.000 Zuschauer fassenden Stadions nach Plänen Albert Speers auf dem Nürnberger Reichsparteitagsgelände verantwortlich war.
Sprecher:
Die Arbeiten auf Vogelsang begannen im März 1934. In der Rekordbauzeit von nur zwei Jahren, in deren Verlauf der felsige Untergrund eingeebnet, zahlreiche Zufahrtsstraßen neu errichtet und Baumaterial aus drei Steinbrüchen herangefahren werden mussten, war Burg Vogelsang schließlich bezugsfertig.
Sprecher:
Der Tag der gleichzeitigen Übergabe aller drei Burgen durch Robert Ley und die DAF an Adolf Hitler wurde auf den 24. April 1936 gelegt - zeitnah zu "Führers Geburtstag". Die zentrale Einweihungsfeier fand in der Falkenburg am Crössinsee statt, auf Vogelsang und Sonthofen gab es entsprechende Parallelveranstaltungen. Hitler nutzte die Übergabe, um in seiner Einweihungsrede nachdrücklich zu einer "Erziehung zur politischen Führung" aufzurufen. Die Burgen ordnete er als Vorläufer eines noch zu entwickelnden, umfassenden Schulungssystems für den politischen Führernachwuchs ein und wertete sie zusätzlich auf, indem er sie historisch in die Nachfolge des Deutschen Ordens stellte.
O-Ton Hitler-Rede:
Und dann glaube ich, dann werden diese Schulen einmal wirkliche Burgen dieses deutschen Ordens werden, des, das dürfen wir mit Stolz sagen, ersten deutschen Ordens, der nur ein Ziel kennt, deutsches Volk und deutsches Land zu halten und zu bewahren und zu stärken im Kampf auf dieser Welt. (Beifall) Zum ersten Mal ein Orden, der niemand Fremdem gehorcht, keiner fremden Gewalt untertan ist, der ausschließlich einem einzigen Gebilde verpflichtet ist. Einem Orden, der zum ersten Mal seine Intentionen und seine Befehle aus der Tiefe des deutschen Wesens und des deutschen Herzens und aber auch unserer Vernunft heraus erhält, und der damit zum ersten Mal in der deutschen Geschichte ein Garant ist, ausschließlich für das Dasein des deutschen Volkes, nicht für irgendeine andere Vorstellung.
Sprecher:
Eine Woche nach Hitlers Rede zogen am 1. Mai 1936 die ersten 500 Schulungsteilnehmer, "Junker" genannt, auf der Ordensburg Vogelsang ein. Sie waren Mitte 20, kamen aus allen Teilen des Reiches und hatten ein strenges Musterungsverfahren absolvieren müssen, das von Robert Ley selbst geleitet wurde. Neben dem guten persönlichen Eindruck, den die Bewerber dabei hinterlassen mussten, hatten sie eine Reihe formaler Kriterien zu erfüllen. Dazu zählten die Mitgliedschaft in der NSDAP bereits vor 1933, "Erbgesundheit" und körperliche Fitness. Diejenigen, die das Verfahren erfolgreich hinter sich gebracht hatten, wurden auf den Burgen in braune Uniformen mit Schirmmütze, schwarzer Krawatte und schwarzen Schaftstiefeln eingekleidet. Wie in anderen NS-Formationen auch diente diese einheitliche Ausstattung dem Zweck, bestehende soziale Unterschiede symbolisch zu verwischen und zu einem klassenübergreifenden Gemeinschaftsgefühl beizutragen.
Sprecher:
Der erste, knapp einjährige Lehrgang der Junker fand exklusiv auf Vogelsang statt und hatte zum Ziel, aus dem Kreis der Teilnehmer geeignete Ausbilder für die künftigen Schulungen an allen drei Ordensburgen herauszufiltern. Erst danach setzten die eigentlichen Lehrgänge ein. Sie sollten insgesamt drei Jahre dauern - ein Jahr auf jeder Burg - und in Vogelsang beginnen. Ley hatte sechs Hauptfächer vorgeschlagen: Rassenlehre, Geschichte, Kunst- und Kulturgeschichte, Weltanschauung und Philosophie, Wirtschafts- und Soziallehre sowie Wehrwissenschaft. Flankiert wurde der Fächerkanon durch ein weit gefächertes Sportprogramm, in dessen Rahmen den Schulungsteilnehmern auch regelmäßig Mutproben abverlangt wurden, um aus ihnen - analog zu Hitlers Leitbild vom völkischen Kämpfer - "ganze Kerle" zu machen. Ein systematischer Lehrplan existierte indes nicht. Das Lehrpersonal bestand aus Sportlehrern, Exerziermeistern sowie aus Lehrern für weltanschauliche und geistige Erziehung. Es wurde ergänzt durch externe Hauptlehrer, die zwischen den Burgen pendelten und vor ihrer Anstellung - so Ley - "weltanschaulich auf Herz und Nieren geprüft" worden waren.
Sprecher:
Welche Inhalte dem NS-Nachwuchs hier vermittelt wurden, zeigt ein Blick in den Nachlass Hermann Bäckers, der von 1936 bis `39 überwiegend in Vogelsang unterrichtet hat. In seinen historisch ausgerichteten weltanschaulichen Vorträgen beschäftigte er sich vor allem mit den großen Feindbildern des Nationalsozialismus, dem Liberalismus, dem Marxismus, dem politischen Katholizismus und natürlich mit der "Judenfrage". Solche Vorträge, die in der Regel ein schwer verdauliches Konglomerat aus pseudowissenschaftlichen Versatzstücken und NS-Ideologie waren, wurden nach der Abreise des Hauptlehrers unter Anleitung des Burgpersonals von den meist wenig gebildeten Junkern weiter durchgearbeitet. Den Typus des politischen Führers, der durch diese Form der Indoktrination erzeugt werden sollte, hatte Ley bereits bei der Grundsteinlegung auf Vogelsang mit markigen Worten skizziert.
Zitatsprecher (Ley):
Hier sollen Führer für das Volk erzogen werden, keine Theologen, aber Führer, Prediger und Werber, fanatische Menschen, die von dem Glauben an Deutschland beseelt sind, die glauben an das Volk, an die Deutsche Nation, an unser Vaterland und an unseren Führer. Hier soll die neue Idee Deutschlands gezüchtet werden!
Sprecher:
Vogelsang diente indes nicht nur als Schulungsort des künftigen Führernachwuchses. Hier fanden auch Arbeitstagungen, Lehrgänge und repräsentative Empfänge für die NS-Größen statt. Rudolf Heß war auf der Burg zu Gast, Baldur von Schirach, Joseph Goebbels, Alfred Rosenberg, der Reichskriegsminister Werner von Blomberg und Hermann Göring, der die umliegenden Wälder mehrfach zur Jagd nutzte. Höhepunkte in der Veranstaltungschronik Vogelsangs sind zwei Auftritte Hitlers während der ersten beiden Jahre. Am 29. April 1937 sprach er vor 600 Kreisleitern auf der Burg.
O-Ton Hitler-Rede:
Das Volk ist heute glücklicher als irgendwo in der Welt. Es wird nur dann unsicher, wenn es keine Führung hat. In dem Moment, in dem eine feste Führung da ist, ist es glücklich, denn es weiß von sich ganz genau: ‚Ja, das verstehen wir ja gar nicht.' Sie haben alle das Empfinden: ‚Gott, wir können schon auf unsere Führung vertrauen, die wird es schon richtig machen'. Ich habe den Wahnsinn des Glaubens, dass der gewöhnliche Mensch von vornherein keine Führung will, habe ich nie stärker gesehen als im Krieg. Lassen Sie eine kritische Situation über eine Kompanie kommen, die Kompanie hat nur einen Wunsch, dass sie einen anständigen Kompanieführer hat, und an den hängt sie sich dann dran. Und wenn das ein wirklicher Kerl ist, ein Mann ist, dann hat er seine Männer hinter sich, die sagen nicht: ‚Ja, warum werden wir nicht gefragt?' Da denkt gar keiner daran! Im Gegenteil, die wollen ja gar nicht, dass sie gefragt werden, die wollen einen Führer, der ihnen Anordnungen gibt, und dann folgen sie ihm nach (stürmischer Beifall).
Sprecher:
Solche vielumjubelten Auftritte können indes nicht darüber hinweg täuschen, dass die Ordensburgen die in sie gesteckten Erwartungen als Kaderschmieden des künftigen Führernachwuchses bei weitem nicht erfüllt haben. Eine interne Analyse der Ausbildung aus dem Jahr 1939 durch den für die erzieherische Arbeit im Gau Köln-Aachen zuständigen Schulungsleiter Julius Kölker nennt als Schwachpunkte der Erziehung vor allem die mangelnden intellektuellen Fähigkeiten sowohl der Junker als auch ihrer Kameradschaftsführer, eine einseitige Überbetonung des Militärischen und Sportlichen vor der praktisch-politischen Schulungsarbeit und außerdem die weitgehende Unklarheit über Leistungsmaßstäbe und über die mögliche politische Laufbahn nach den drei Burgjahren. Kölkers Bericht bemängelt darüber hinaus die gleichermaßen elitäre wie repressive Abschottung des Lehrbetriebs, unter deren Bedingungen sich die Junker nach innen gleichzeitig opportunistisch anpassten und nach außen hochmütig und dünkelhaft gaben, und gelangt zu dem Schluss:
Zitatsprecher Kölker-Bericht:
Unsere Kreisleiter, denen die Junker nach ihrer Ordensburgzeit später als Kreisamtsleiter usw. zugeteilt wurden, haben bisher schon eine schwierige Aufgabe gehabt, den den Junkern auf der Ordensburg anerzogenen Höhenfimmel wieder ab zu erziehen. (...) Zugeben muss ich allerdings, dass viele Junker ein außerordentlicher Arbeitseifer auszeichnet; doch möchte ich dabei betonen, dass die wirklich brauchbaren von ihnen ihren Weg in der Politischen Leitung auch ohne das Jahr Ordensburg gemacht hätten.
Sprecher:
Der Kölker-Bericht enthält auch Vorschläge zur Reform der Schulungsarbeit, zu deren Umsetzung es aber nicht mehr kam. Der Beginn des II. Weltkriegs beendete die knapp 3 ½ Jahre währende Zeit der Junker-Ausbildung auf Vogelsang und den übrigen Ordensburgen. Die Lehrgangsteilnehmer wurden in ihre Heimatgaue zurückgeschickt. Robert Leys Pläne zum Aufbau einer Kaderschmiede für den Führernachwuchs der NSDAP blieben somit Stückwerk, wie vieles im NS-Staat. Am Ende stand die ernüchternde Bilanz, dass zahlreiche Junker von sich aus die Schulungen frühzeitig abgebrochen hatten und dass mit Kriegsbeginn noch kein einziger von ihnen die Ausbildung auf allen drei Burgen abgeschlossen hatte.
Sprecher:
Nach dem Ende der letztlich recht kurzen Junker-Episode fand Vogelsang für wechselnde Zwecke Verwendung: Zweimal diente die Burg in großem Umfang als Truppenquartier und Lazarett: 1940 während des Frankreich-Feldzuges und 1944 während der Ardennen-Offensive. Zwischenzeitlich wurde sie als Ausweichquartier für mehrere Adolf-Hitler-Schulen genutzt. Und ab 1942 diente das Krankenhaus der Anlage auch als Entbindungsstation für Frauen aus dem Kölner Raum, die wegen der wachsenden Bedrohung durch alliierte Bomberverbände in die noch vergleichsweise sichere Eifel evakuiert worden waren.
(...)
Sprecher:
Im Herbst 1944 war es aber auch hier mit der Sicherheit vorbei: Alliierte Bomberverbände griffen verstärkt die Mauern der Urfttalsperre an. Am 4. Februar 1945 schließlich besetzten Soldaten der 9. US-Division zusammen mit der Staumauer des Sees auch die nur schwach verteidigte Ordensburg. Der Deutsche Rundfunk brachte aus diesem Anlass einen elegischen Nachruf auf Vogelsang, der in deutscher Sprache auch von einem amerikanischen Soldatensender ausgestrahlt wurde.
O-Ton Rundfunk:
Die Ordensburg Vogelsang - ein Symbol. Soeben erreicht uns die Nachricht, dass nordamerikanische Einheiten die Ordensburg Vogelsang in der Eifel besetzt haben. Wer die Ordensburg kannte, wird sich heute früh einiger Gedanken nicht erwehren können, Gedanken der Erinnerung an die dort verbrachten Tage, an die nun unwiederbringlich verloren gegangenen Werte und Begriffe. Ordensburg: Hart ist die Vorbereitung der Männer gewesen, die sich der selbstlosen und heiligen Aufgabe der Menschenführung am deutschen Volke widmeten, unerhört hart. Nicht jeder Tag war von diesem harten Dienst ausgefüllt. Es gab auch Tage des Feierns und der Reise. Und manchmal kam für die Burgschaft das ganz große Erlebnis: die Ankunft des Führers. Das alles ist nun dahin ...
Sprecher:
Nach dem Krieg kam Vogelsang zunächst unter britische Besatzung. Und für einige Zeit kursierten Überlegungen der Militärregierung, die in Teilen beschädigte Burganlage komplett abzutragen. Später - die britische Rheinarmee hatte sich inzwischen auf eine lange Besatzungszeit in Deutschland eingerichtet - wurde entschieden, Burg und Gelände für einen Truppenübungsplatz zu nutzen. 1946 wurde das Übungsgelände ohne besondere Rücksichten auf kommunale Grenzen oder topographische Gegebenheiten abgesteckt. Rund 550 Einwohner des Eifelortes Wollseifen, einst als erstes Musterdorf im Gau Köln-Aachen vorgesehen und jetzt innerhalb des Truppenübungsgeländes gelegen, mussten ihre Häuser und Wohnungen binnen drei Wochen für immer verlassen. Die Burganlage, die jetzt Verwendung als Standort der Verwaltung und zur Unterbringung von Soldaten fand, wurde in wesentlichen Teilen wieder hergerichtet und nur wenige schwer zerstörte Gebäudetrakte wurden abgerissen.´
Sprecher:
Am 1. April 1950 übergaben die Briten den Truppenübungsplatz an die belgischen Militärs. Die nutzten ihn in den kommenden fünf Jahren zunächst für eigene Übungszwecke und nach Ablauf der Besatzung im Jahr 1955 gemeinsam mit ihren westlichen Verbündeten. In dieser Zeit wurde das bauliche NS-Erbe aufgrund vertraglicher Absprachen mit Deutschland weiter instandgehalten. Von einigen Kriegszerstörungen abgesehen, präsentiert sich Burg Vogelsang deshalb heute weitgehend noch in der Form, wie sie nach den Plänen von Clemens Klotz für die Nationalsozialisten erbaut worden war.´
Sprecher:
Einen eindrucksvollen Blick auf die klar gegliederte, gleichwohl komplexe Gesamtanlage der Burg gewinnt man am besten von ihrer höchsten Stelle, der Spitze eines 42 m hohen, schlanken Seitenturmes. Während ein rauer Wind den Widerhall des militärischen Betriebs heraufträgt, erläutert Monika Herzog, die im Rheinischen Amt für Denkmalpflege beim Landschaftsverband Rheinland Vogelsang fachlich betreut, von hier oben aus den terrassenförmig gegliederten Aufbau der Ordensburg.
O-Ton Monika Herzog:
Die Anlage ist an einen Nordhang angebaut, und zwar steigend vom Urftsee aus bis oben auf den Bergrücken. Sie ist klar axialsymmetrisch gegliedert. Auf dem untersten Niveau über dem Urftsee beginnt es mit einem großen Sportplatz, der flankiert ist von einer Turnhalle und einer Schwimmhalle. Von der Schwimmhalle und von der Turnhalle aus kann man den Berg weiter hoch schreiten, kommt dann über den Sportplatz zur sogenannten Thingstätte, einem Halbrundbau mit heute inzwischen fast nicht mehr erhaltenen steinernen Sitzreihen. Darüber erhebt sich dann in einer Staffelung von drei Etagen der Bereich der sogenannten Mannschaftsgebäude. Das sind ganz schlichte, zweigeschossige, satteldachgedeckte Unterkunftshäuser.
Sprecher:
Entlang dieser ehemaligen Kameradschaftshäuser - acht von ehemals zehn haben den Krieg überdauert und werden heute weiter genutzt - gelangt man im Mittelbereich des Berghanges über Treppenaufgänge zu einem langgestreckten Appellplatz. Hier fanden während der Nazi-Zeit die Aufzüge der Junker statt, ebenso Feiern und Auftritte der NS-Prominenz. Der Platz ist dem eigentlichen Haupttrakt der Ordensburg vorgelagert, dem vielgliedrigen Gemeinschaftshaus.
O-Ton Monika Herzog:
Das Gemeinschaftshaus ist im Prinzip um einen viereckigen Hof angelegt, der ehemals auf allen Seiten von eingeschossigen, satteldachgedeckten Häusern begleitet war. Heute fehlt kriegsbedingt ein Teil dieser Anlagen. Von diesem Quadrum aus gehen nach drei Seiten Flügelbauten aus. In einem befand sich ehemals die Bibliothek, der ist noch recht anschaulich erhalten. Im anderen befand sich ursprünglich ein Speisesaal, auch der ist heute wieder da, wenngleich als Nachkriegsaufbau. Darüber - dieses Geschoss fehlt inzwischen - gab es ursprünglich einen Tagungsraum, und anschließend an diesen Trakt befindet sich der Wasserturm, auf dem wir uns eben jetzt gerade befinden. Es gibt noch einen dritten Flügel, die sogenannte Burgschenke, die nahezu völlig original auch mit der Ausstattung erhalten ist.
Sprecher:
1989 wurde die Burg mit ihren aus der NS-Zeit erhaltenen Teilen durch die Bezirksregierung Köln unter Denkmalschutz gestellt. Damals wie heute eine nicht unumstrittene Entscheidung, stellt sich doch die grundsätzliche Frage, ob Kult- und Täterorte des Nationalsozialismus nach denselben Kriterien des Denkmalschutzes behandelt werden sollten wie Bauten und Denkmäler anderer Epochen auch. Der zuständige Landeskonservator hatte seinerzeit darauf hingewiesen, dass es in der Architekturentwicklung weder 1933 noch 1945 einen wirklichen Bruch gegeben habe und dass es somit unsinnig sei, die Architektur des Dritten Reiches gegen Vergangenheit und Zukunft absperren zu wollen. Und auch für Monika Herzog lässt sich die auf verschiedene Stilrichtungen zurückgreifende Ordensburgarchitektur nicht als Fremdkörper aus dem Kontinuum der deutschen Architekturentwicklung herausschneiden, wie sie am Beispiel der noch im Originalzustand erhaltenen Burgschänke auf Vogelsang deutlich macht.
O-Ton Monika Herzog:
Und zwar ist Vogelsang ein ungemeines Zwittergebilde aus sehr viel verschiedenen Stilrichtungen, die aber zusammengeflossen sind zu einer sehr einheitlichen Anlage. Hier an der Burgschänke kann man einen sehr langgestreckten Gebäudetrakt sehen, der an der Langseite durch Rundbogen, schwere, massive Rundbogen, die auf quadratischen Pfeilern ruhen, gegliedert ist. Oben drüber ein ganz massiver mit Holzstützen getragener Wehrgang, d.h. hier haben wir wirklich etwas von Wehr- und von Burgarchitektur in seiner Anmutung. Das ganze endet dann aber in einer Art Pavillon, der halbrund vorkragt. Hier befindet sich das Kaminzimmer im Inneren. Und dieser Pavillon ist wieder sehr leicht gegliedert durch umlaufende Fensterbänder, das wiederum ein Motiv aus der Moderne, aus dem neuen Bauen, gerade aus dem frühen 20. Jahrhundert. D.h. es gibt keine ganz eindeutige Stilrichtung, die man hier durchhält, sondern man vermischt eigentlich das, was zur damaligen Zeit an verschiedenen Stilrichtungen von der Heimatschutzbewegung über das neue Bauen ‚in' war, kann man sagen, und macht dann aber durch die Art der Anlage, durch die Einbettung in die Landschaft, durch das einheitliche Baumaterial ein sehr anschauliches Ganzes.
Sprecher:
Aber Vogelsang besteht eben nicht nur aus einzelnen Gebäuden, die sich aus bauhistorischer Sicht als zeittypischer Stilmix interpretieren lassen. Dazu braucht man sich nur die auf dem weitläufigen Gelände und in einzelnen Räumen der Burganlage noch vorzufindenden Reliefs und Bauplastiken anzuschauen, die dem rassenideologischen Schönheitsideal und dem heroisierten, soldatischen Menschenbild der Nationalsozialisten huldigen. Zum Beispiel der sogenannte "Fackelträger", eine etwa sechs Meter hohe Figur in kraftstrotzender Grätschstellung und mit einer brennenden Fackel in der ausgestreckten rechten Hand. Sie zählt zu jenen nackten Heroen, die seit 1936 in der Bildhauerei des NS-Staates sehr häufig zu finden sind, und ist vor einem an der Vorderfront mit Muschelsandplatten verkleideten, klotzigen Bruchsteinquader postiert.
O-Ton Monika Herzog:
Daneben eine noch in Resten erhaltene Inschrift, die eigentlich ganz, ganz anschaulich zeigt, wie sich die Junker hier verstanden haben wollten. Da steht nämlich: "Ihr seid die Fackelträger der Nation, ihr tragt das Licht des Geistes voran im Kampfe für Adolf Hitler". Man muss sich das so vorstellen, dass man sich hier zu sogenannten Sonnwendfeiern versammelte. Oben auf diesem Block war ursprünglich eine Schale, eine große Schale, in der ein Feuer dann auch angezündet werden konnte. Und hier traf man sich dann eben für die damals so üblichen Gemeinschaftsveranstaltungen.
Sprecher:
Gerade aufgrund dieser Zwitterhaftigkeit der Architektur könnte Burg Vogelsang aus der Sicht von Monika Herzog zu einem aufschlussreichen Lernort vor allem für die jüngeren Besucher werden, die man in nicht allzu ferner Zukunft durch den Nationalpark anlocken möchte.
O-Ton Monika Herzog:
Man kann hier sehr anschaulich machen, wie subtil Ideologie auch über Architektur hat wirken können und hat vermittelt werden können. Und das ist ein so anschauliches und einmaliges Zeugnis über die Region hinaus, man kann sagen im Bereich der Bundesrepublik allgemein, dass man die Verpflichtung hat, dieses als Zeugnis einer wie auch immer gearteten Zeit zu erhalten.
Sprecher:
Doch das wird nicht ohne erhebliche finanzielle Mittel möglich sein. Und bisher ist völlig offen, wer die aufzubringen bereit ist. Zuständig für die gesamte Liegenschaft Vogelsang ist zunächst der Bund als Eigentümer. In Abstimmung mit dem Land NRW und mit den Gemeinden vor Ort versucht deshalb die in Münster ansässige Bundesvermögensabteilung der Oberfinanzdirektion als Vertreterin des Bundes, potentielle Investoren ausfindig zu machen, die bereit wären, vorhandene Gebäude auf Vogelsang anzumieten oder anderweitig dort zu investieren. Über die entsprechenden Aussichten äußert sich Hans-Jürgen Wichardt, der für die Bundesvermögensabteilung die Konversion von Vogelsang betreibt, jedoch nicht sehr optimistisch.
O-Ton Hans-Jürgen Wichardt:
In meinen Augen ist ein Nationalpark kein Wirtschaftsunternehmen, sondern der hat seinen Wert in der Erholung für die Bevölkerung. Das ist was Gutes, das brauchen wir, gar keine Frage. Jetzt bezogen auf die Burg selber, diese 100 Hektar bebaut, da stehen so viele Gebäude, wenn Sie die wirtschaftlich nutzen wollen, dann müssen Sie sehr viel investieren, d.h. Sie müssen dann auch die Chance sehen, dass Sie in dieser Region etwas produzieren oder in der Wirtschaft auf den Weg bringen, was Geldwert hat. Und ich sehe bei diesen Objekten eigentlich nur ganz geringe Chancen, da etwas zu finden, zumal die ganzen Planungen im Kontext mit dem Nationalpark natürlich auch ganz erheblich eingeschränkt sind. Es kann ja dann auch nicht alles dahin. Und die Regionalplanung sieht auch noch bezogen auf die Möglichkeiten der Nutzung der Burg nur eingeschränkte Positionen vor. Und wenn man da raus will, dann auch nur mit Sondergenehmigungen. Und ein Investor, der rangeht und Geld investiert, um Geld zu verdienen, der fragt sich natürlich: Kann ich hier jemals was verdienen? Und nach meiner Einschätzung ist es ganz, ganz schwer dort etwas zu finden. Was diese 100 Hektar betrifft vielleicht Einzelfälle. Vielleicht ein Gebäude für ein Hotel, für die Naherholung, für die Gäste, die da hin kommen, aber es wird nur ganz, ganz wenig sein, was sich dort wirtschaftlich bewerkstelligen lässt.
2. Sprecher:
Dem kann bislang auch Landrat Günter Rosenke aus Euskirchen nicht grundsätzlich widersprechen, in dessen Kreis das Vogelsanger Gelände zu überwiegenden Teilen liegt. Bei Rosenke werden in Absprache mit dem Bundesvermögensamt alle Anfragen potentieller Interessenten gesammelt und beantwortet. Oftmals, so seine bisherige Erfahrung, hatten die Interessenten aber ganz falsche Vorstellungen von dem, was sie auf Vogelsang erwartet.
O-Ton Rosenke:
Seriös sind die sicherlich alle, nur muss ich immer davon ausgehen, dass einige, die hier vorgesprochen haben, die Örtlichkeit nicht kennen. Die haben wohl nur gedacht, da kann man investieren, da ist Platz für - ich sag das jetzt mal - für einen Golfplatz, für ein Wellness-Hotel, da kann man all' so schöne Sachen machen, die mit Tourismus sicherlich zu verbinden sind. Da sage ich: Halt, Stopp, da legen wir Ihnen erst mal vor, was dort möglich ist, und vor Ort wird dann entschieden, ob es dann möglich ist. Was seriös vorliegt, ist eine Anfrage des Deutschen Jugendherbergswerks, die waren auch schon mit uns vor Ort und haben sich das Gelände angeguckt. Soweit ich da informiert bin, haben die auch schon verlauten lassen, dass das etwas Geeignetes wäre für eine Maßnahme, die das Deutsche Jugendherbergswerk betrifft. Wir haben auch vom Deutschen Sportbund mal eine Anfrage vorliegen gehabt.
Sprecher:
Das ist bislang nicht allzu viel Konkretes. Und die Zeit läuft. Denn wenn die Belgier das Gelände zurückgeben, entstehen augenblicklich Kosten, die nicht unerheblich sein werden, wie Hans-Jürgen Wichardt unterdessen weiß.
O-Ton Hans-Jürgen Wichardt:
Wir haben Zahlen von den Belgiern bekommen. Im Moment kostet die Bewachung des Objektes ca. 0,7 Mio. € und die Instandhaltung der Infrastruktur, sprich: die ganzen Leitungen und alles was damit zusammenhängt, pro Jahr 1 Mio. €. Und wenn Sie dann noch nehmen möglicherweise den Aspekt des Denkmalschutzes, wenn die Belgier dann raus sind, wenn die Objekte leer stehen, dann, denke ich, kommt auch noch mal ganz grob überschlagen 1 Mio. € dazu. D.h., sie liegen so ungefähr bei 2,5 Mio. € pro Jahr an laufenden Kosten und kriegen keinen Pfennig zurück.
Sprecher:
Doch das ist längst nicht alles. Denn auf den Bund kommen absehbar weitere Kosten zu, welche aus der notwendig werdenden Räumung von Munitionsrückständen und Altlasten auf dem Gelände des Truppenübungsplatzes resultieren, die teilweise noch aus der NS-Zeit stammen.
O-Ton Hans-Jürgen Wichardt:
Es gibt aber keine intensiven Kenntnisse darüber, wie umfangreich die Bombenbelastung ist. Wir haben auch keine genauen Kenntnisse über Kontaminierungssituationen. Das ergibt sich daraus, dass üblicherweise auf diesen Übungsplätzen, sofern sie noch militärisch genutzt werden, die Frage der Bombardierung und Kontamination nur eine sehr untergeordnete Rolle spielt. Die Militärs, die Alliierten haben sich auf diese Flächen drauf gesetzt, die genutzt, die haben nach diesem Problem nicht gefragt und haben damit gelebt. Das ergibt sich erst in dem Moment, wo die sogenannte Konversion eintritt, nämlich die Umwandlung dieser militärischen Flächen in eine zivile Nutzung. Und wenn dann die zivile Nutzung anfangen soll, dann muss ich die Flächen natürlich so herrichten, dass sie natürlich nutzbar sind.
Sprecher:
Auch wenn genaue Daten über die Belastungssituation auf Vogelsang noch fehlen - eine Untersuchung dazu ist in Arbeit -, kann Wichardt durchaus auf Erfahrungswerte aus anderen Konversionsprojekten verweisen.
O-Ton Hans-Jürgen Wichardt:
Wir haben hier z.B. in Münster eine große Fläche von 80 ha. Da sind in den letzten vier Jahren ungefähr 80 Bomben rausgeholt worden, diverse tausend Stücke Kleinmunition. Da haben die Briten jahrelang drauf gelebt, ohne dass etwas passiert ist. Da haben wir etwa ausgegeben für Entmunitionierung, mit noch ein paar anderen Kosten dazu, um die 30 bis 40 Mio. DM noch.
Sprecher:
In Münster ließ sich die Entmunitionierung der 80 ha unter finanziellen Gesichtspunkten dadurch rechtfertigen, dass auf dem ehemaligen Militärgelände anschließend ein Gewerbegebiet errichtet werden konnte. Damit floss Geld zurück. Komplizierter stellt sich die Situation in Vogelsang dar. Eine vollständige Untersuchung des Truppenübungsplatzes auf militärische Rückstände und deren anschließende Entfernung würden jeden realistischen Kostenrahmen sprengen. Deshalb wird es hier absehbar notwendig werden, ausgewählte Bereiche aus Sicherheitsgründen für den zu erwartenden Publikumsverkehr zu sperren. Das müsste der Nationalparkplanung nicht einmal zuwider laufen, sehen die Anforderungen, die durch das Bundesnaturschutzgesetz vorgegeben sind, doch ohnehin vor, dass über 50 % der Fläche nicht oder nur wenig vom Menschen beeinflusst werden dürfen. Es setzt aber voraus, dass die politischen Repräsentanten der umliegenden Kommunen ihren Bürgern klipp und klar sagen, dass das Nationalparkareal auch nach dem Abzug der Belgier kein Garten Eden ist, der jederzeit und unbeschränkt für alle Besucher frei zugänglich sein wird.
Sprecher:
Um einen Ausweg aus der insgesamt recht prekären finanziellen und planerischen Situation zu finden, haben sich Vertreter von Bund, Land und Kreis entschieden, gemeinsam eine Machbarkeitsstudie zu finanzieren, die europaweit ausgeschrieben wird und Antworten darauf geben soll, welche Möglichkeiten der Folgenutzung es für den Truppenübungsplatz gibt, welche Kosten bei der Umsetzung anfallen, wer als Investor in Betracht kommt und welche Trägerschaftsmodelle möglich sind. Mitte des Jahres sollen die Ergebnisse der Studie vorliegen und den Beteiligten als Entscheidungshilfe dienen.
Sprecher:
Einfluss auf die Ausgestaltung der Studie und des weiteren Entwicklungsprozesses möchte auch der gemeinnützige "Förderverein Nationalpark Eifel" nehmen, in dem neben bald tausend Mitgliedern auch Monika Herzog engagiert ist. Der Verein hat zu diesem Zweck ein erstes "Nutzungskonzept" vorgelegt, das den weitaus größten Teil der Gebäude auf Vogelsang einbezieht und nun der weiteren Ausarbeitung und Präzisierung bedarf. Es ist bis dato der einzige vorliegende Entwurf zur Gebäudenutzung, und der Förderverein hofft, mit seiner Ideensammlung notwendige Impulse in den politischen Raum lancieren zu können.
O-Ton Monika Herzog:
Das Konzept beschäftigt sich mit verschiedenen baulichen Schwerpunkten. Der Kernbereich ist natürlich das Gemeinschaftshaus, das ein sehr hohes Anliegen ist in der Umnutzung. Hier sieht das Konzept vor eine Umnutzung als Lernort, als Geschichtsort, als Begegnungsstätte. Das ganze erstreckt sich dann auch auf die Nebengebäude, Mannschaftsgebäude.
Sprecher:
Konkret sieht der Entwurf des Fördervereins vor, hier eine Reihe ständiger Ausstellungen zu platzieren. Eine soll sich der Geschichte der NS-Ordensburg im System der nationalsozialistischen Erziehung und Kader-Schulung widmen, eine weitere die Nachkriegsgeschichte Vogelsangs und der Region darstellen, eine dritte Bezüge zwischen dem Nationalsozialismus und aktuellen rechtsextremistischen Tendenzen deutlich machen. Ergänzt werden soll der historische "Lernort" um eine Bibliothek sowie um ein Forschungs- und Dokumentationszentrum.
Sprecher:
Ein zweiter Nutzungsschwerpunkt gilt dem Nationalpark selbst. In einem großen Gebäudekomplex, der der eigentlichen Burganlage vorgelagert ist, könnten nach den Plänen des Fördervereins Nationalparkverwaltung, Forstverwaltung, Sicherheitsdienst und die Nationalpark-Ranger unterkommen, außerdem Shops, gastronomische Einrichtungen und Büros der Naturschutzverbände. Und in einem dritten Gebäude, einer mehrgeschossigen belgischen Kaserne in L-Form mit über 100 Metern Seitenlänge, die noch auf Fundamenten aus der NS-Zeit ruht, sollen "Forschung & Lehre" mit den Schwerpunkten Umwelt- und Energietechnik Einzug halten.
O-Ton Monika Herzog:
Das soll sich ergänzen, und das kann sich auch ergänzen, weil es nahezu ein Idealfall ist, dass wir hier zusätzlich zu dem Nationalpark diese Liegenschaft haben und man nicht erst anfangen muss, etwas zu bauen, wie andernorts. Da hörte man schon von anderen Nationalparks, ihr habt ja hier diesen Glücksumstand, dass ihr schon Gebäude habt, auch eine große Gebäudemasse habt, die der Nationalpark alleine gar nicht nutzen kann. Wir mussten erst bauen und wussten aus Kostengründen schon, wenn wir bauen, es wird schon zu eng. Das haben wir hier nicht.
Sprecher:
Doch mehr Fläche bedeutet auch höhere Unterhaltungs- und Umbaukosten, die entweder durch Einnahmen beglichen werden müssen oder durch Subventionierung. Mit Blick auf die Einnahmemöglichkeiten, die das Konzept des Vereins anbietet, sieht Hans-Jürgen Wichardt von der Bundesvermögensverwaltung jedoch eher schwarz.
O-Ton Hans-Jürgen Wichardt:
Die Aufzählung der Möglichkeiten, die da drin steht, ist sicherlich sehr kreativ und auch sehr interessant. Aber mein erster Eindruck ist, da ist nichts drin, was sich wirtschaftlich rechnet. Im Gegenteil: das sind eigentlich alles Nutzungsmöglichkeiten, die nach dem Steuerzahler rufen, also nach öffentlichen Geldern. Und da sehe ich ein großes Problem bei der Lage der öffentlichen Haushalte im Moment. Ich sehe für kaum ein Gebäude eine private wirtschaftlich erfolgreiche Nutzung.
Sprecher:
Ein Ausweg aus dieser prekären Situation ist derzeit nicht in Sicht, daran werden auch die Ergebnisse der angekündigten Machbarkeitsstudie kaum etwas Wesentliches ändern. In gar keinem Fall wird die Ausgestaltung der Burg zum historischen Lernort mit allzu geringem Mitteleinsatz oder gar kostendeckend zu haben sein. Hier sind sowohl weitere Forschungen notwendig wie auch eine publikumsgerechte Aufbereitung von Vogelsangs Rolle im Kontext nationalsozialistischer Erziehung. Außerdem wird es sachkundiger Museumspädagogen bedürfen, die unterschiedliche Zielgruppen durch Burg und Ausstellungen führen können. Würde man gerade darauf verzichten wollen, dann bestünde in der Tat die Gefahr, das Deutungsmonopol zur Geschichte Vogelsangs leichtfertig zu Gunsten jener neuen Rechten aufs Spiel zu setzen, welche die Ordensburgen ohnehin bereits in einschlägigen filmischen Dokumentationen als "Worte aus Stein" glorifizieren.
Sprecher:
Es mag unzeitgemäß erscheinen, in dieser Situation nach dem Bund zu rufen und den Finanzminister angesichts leerer Kassen an seine Verantwortung für die weitere Entwicklung Vogelsangs zu erinnern. Doch Vogelsang ist nun mal keine x-beliebige Konversions-Immobilie; vielmehr handelt es sich um ein Baudenkmal außergewöhnlicher Größe, Eigenart und Geschichte, dessen Integration in einen Naturraum vollzogen werden soll, der die bedeutendste Naturschutzkategorie erhalten wird, die Deutschland zu vergeben hat. Der Dimension dieses Projektes wäre es angemessen, wenn sich der Bund als Eigentümer Vogelsangs nicht nur über seine Finanzverwaltung am weiteren Prozedere beteiligen, sondern eine politisch aktive Rolle bei einer Lösungsfindung übernehmen würde. Der Förderverein Nationalpark hat die Gründung eines Investitions- und Betreiberkonsortiums von Vogelsang unter Einbeziehung von Bund, Land, Gemeinden und EU angeregt. Der Bundesfinanzminister und die Staatsministerin für Kultur wären gut beraten, hier an prominenter Stelle mitzuwirken und Mitverantwortung für das Erbe Vogelsangs zu übernehmen. Viel Zeit dafür bleibt nicht mehr.



