"TRÄNEN DES INDIANERS"
Auzug eines Textes von Siegfried Schall
Ferdinad-Knopf-Strasse 9
79117 FREIBURG
0761 6 26 82
Am 8,8 cm Flakgeschütz
Der beste Richtschütz der Batterie sollte an 'Hilversum I' ausgebildet werden, jedoch musste der ein 150%iger Nazi sein, wegen der Geheimhaltung. Der Batterie-Chef, inzwischen Oberleutnant wegen seiner Erfolge, schlug mich als kandidaten vor. Die Erkundigungen der GESTAPO, der geheimen Staatspolizei, nach der Einstellung von Vater und Bruder waren positiv. Mein Bruder, der Führungsoffizier, war schon 150%ig, zur Zeit Leutnat in einem Sonder-Kommando in Peenemünde auf Useom, wo die noch geheimen V1- und V2-Raketen getestet wurden. Also daher keine probleme. Rucksack packen und ab zur NAPOLA, der Nationalpolitischen Lehranstalt, der 'Ordensburg Vogelsang' oberhalb der Urftalsperre in der Eifel.
Ich wusste nicht, dass auf der NAPOLA, wie Himmler sagte, 'die Auslese der neuen Führerschicht durch die SS vollzogen wurde'.
Hier konnte man das Wirken der SS am eigenen Leibe spüren. Es wurde auf eine besondere Weise 'ausgelesen', so wie Aschenputtel; die Guten nach rechts zur Karriere, die Schlechten nah links als Ausschuß.
Über mir im Doppelstock-Bett lag Joachim Fuchsberger. Er kam aus Berlin und wollte Karriere machen in der Schauspielkunst. Ich war kein besonders guter Schauspieler. Als ich merkte, was auf dem Programm stand, reagierte ich unklug, zu emotional. Die Filme 'Fridericus Rex - der große König', 'Kolberg, der Wille zur Durchhalten' oder 'Ohm Krüger, Konzentrationslager der Buren' waren noch erträglich. Auf das, was am Ende der ersten Woche abgeflimmert wurde, war ich nicht vorbereitet: 'Der ewige Jude' d.h. Ratten und andere Ungeziefer.
Die 'Nürnberger Gesetze' standen im Mittelpunkt der Film-Kommentierungen : 'Die Herrenrasse habe Europa das Gesetz Hitlers zu diktieren, die Überlegenheit des arischen Blutes bestimmt den Fortgang des 1000-jährigen Reiches. Jeder hat sein eigenes Gewissen, seinen eigenen Willen und seine eigene Person voll und ganz dem Führer hinzugeben und ohne zu zaudern undzu zagen, den Tod zu geben und zu nehmen!'
Hier wurde offen über die 'Endlösung', die Vernichtung der Juden gesprochen.
Joachim Fuchsberger, der sich nach dem Krieg 'Blacky' nannt, hat die 3 Wochen NAPOLA durchgehalten. "... und dann begann meine Karriere in Berlin", meinte er stolz in einer TV-Show. Und als Hänschen Rosenthal, bekann durch 'Dalli! Dalli!', der sich just zu dieser Zeit als 16-jähriger Jude in Berlin in einer Gartenlaube verstecken mußte, in den 80-ger Jahren starbn warf eben gerade dieser Bläcky dem 'Dalli! Dalli! Hänschen' Rosen ins Grab mit den Worten : "Ich bin schon immer ein Freund der Juden gewesen!"
Ich hatte keine Wahl! Geprägt durch meine Jugendlieb, überzugt von meinem Menschlichkeitsfimmel, misstrauisch gegen alles 'Arische', aber blin gegenüber der SS-Realität, ich ging den linken Weg, den Weg für den Ausschuß. So dumm wie ich, war auf Burg Vogelsang sonst niemand. Warum konnte ich den Mund nicht halten ? Warum mußte ich unbedingt diese Frage stellen:
"Sind Juden nicht auch Menschen?"
"Juden ? Menschen? Ungeziefer sind auch Tiere! Und das muß vernichtet werden!" brüllte ich mich der SS-Führer an. "Du willst mir Vorschriften machen? Ausgerechnet du? Judenfreund! Weist du wo du hier bist? Raus! Mach, dass du raus kommst!"
Hacken zusammen! Kehrt! Raus!
"Um 12 Uhr meldest du dich auf der Schreibstube! Marschfertig! Verstanden!" dröhnte es hinter mir her.
Ich hatte verstanden. "Jawoll!" Aber meine Antwort kam zu spät.
Zwei Tage brauchte ich, bis ich zurück war bei meiner Flak-Einheit in Alstedde. Zwei Tage zwischen "Jawoll" und "Nein", zwischen Trotz und Angst. Zwei Tage Zittern im Bauch.
Anmerkung : diese waren 2 Seiten von insgesammt 127. Der junge Flak-Helfer kam nicht vors Kriegsgericht, sein Oberleutnant konnte ihn retten. Das ganze Buch ist spannend...
Siegfried Schall mit Leutnat Werres 1943
der ihn vor dem Kriegsgericht gerettet hat



